Gronau/ Kreis Borken (AM) "Aus purer Verzweiflung hat sie früher ihre Kleidung zerrissen", berichtet Klara Uesbeck. Für die Mitarbeiterin aus dem Gronauer Annaheim der Diakonischen Stiftung Wittekindshof und ihre Kollegen war es schrecklich, wenn sie Viktoria Rabenhorst nicht verstanden haben. "Wir haben viel probiert, aber erst mit modernster Computertechnik gelingt es, die Kommunikationsbarrieren zu überwinden", erklärt Uesbeck,
Barrieren in der Kommunikation
Viktoria Rabenhorst ist eine drahtige junge Frau aus dem Südkreis Borken. Sie weiß, was sie will, aber konnte das oft nicht mitteilen. Schwere Spastiken beherrschen ihren Körper. Plötzliche Muskelanspannungen führen zu unkontrollierten Bewegungen. Deswegen fällt ihr das Sprechen schwer und sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Menschen im Annaheim und in den Wittekindshofer Werkstätten, wo die 32-Jährige arbeitet, bauen Brücken: "Wir stellen Fragen, so dass Viktoria mit Ja oder Nein antworten kann. Die beiden Worte kann sie am besten sagen, auch wenn sie sich freut oder sehr aufgeregt ist", erklärt Anna Berchem, aus dem Mitarbeiterteam des Annaheims, das mit dieser Methode aber auch schon oft an die Grenzen gekommen ist: "Wenn wir sehen, dass es ihr nicht gut geht und wir sie fragen, ob der Fuß, das Knie, der Bauch oder der Kopf wehtun und sie alles verneint und wir einfach nicht darauf kommen, dass sie schlecht geschlafen hat, frustriert das alle."
Auf dem Weg zum Sprachcomputer
Zu Schulzeiten hatte Viktoria Rabenhorst schon einmal einen Sprachcomputer, aber das Gerät passte nicht zu den Bedürfnissen der jungen Frau. Heute ist die Technik ausgefeilter. Erste Beratung zur Unterstützten Kommunikation leistete das Büro für Leichte Sprache Wittekindshof. Ein Hilfsmittelberater mit verschiedenen Geräten ist ins Annaheim zu Viktoria Rabenhorst gekommen. "Viktoria hat die Geräte selbst ausprobiert, aber die waren zu einfach. Sie kann zwar nicht lesen und schreiben, trotzdem braucht sie ein differenziertes Vokabular, damit sie mitteilen kann, was sie zu sagen hat", erklärt Uesbeck. Schließlich hat der Hilfsmittelberater ein passendes Gerät vorgestellt, das an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden konnte. Trotzdem musste Viktoria Rabenhorst noch wochenlang auf ihren Sprachcomputer warten. Ihr rechtlicher Betreuer, Dirk Bollrath, vom Betreuungs- und Förderverein im Kreis Borken, setzte sich mit viel Engagement für die Kostenzusage der Krankenkasse ein.
Mit großem Ehrgeiz mit dem Computer gearbeitet
Als das Gerät schließlich geliefert wurde, waren ganz nach Wunsch von Viktoria Rabenhorst ein Kernvokabular mit den wichtigsten Begriffen und weitere Worte im Randvokabular gespeichert. Ab sofort hatte die junge Frau jeden Tag 20 Minuten Talker-Training. Wegen der starken Spastik, ist der Touch-Screen mit einer Griffschablone ausgestattet. Trotzdem brauchte Rabenhorst zunächst Handführung durch die Mitarbeitende: "Viktorias Ehrgeiz ist enorm. Sie hat viel geübt, um die Symbole selbst passend anzuwählen. Der Talker ist ihr Tor zur Welt. Schon schnell mussten wir ihr immer neue Begriffe installieren", lobt Berchem. In verschiedenen Ebenen sind die Namen der Mitarbeitenden, Kleidung, Haarspangen und Frisuren zur Auswahl abgelegt, denn Rabenhorst legt großen Wert darauf, wie sie ihre langen braunen Haare trägt. Außerdem haben die Mitarbeitenden das gesamte Sortiment des Werkstatt Kiosks gespeichert, damit sie in der Pause selbst sagen kann, was sie sich kaufen möchte. "Mittlerweile kennt sie sich besser mit dem Gerät als die Mitarbeitenden aus. Wir brauchen ihre Hilfe, damit wir alle Symbole und Begriffe finden", berichtet Uesbeck, die sich nicht erinnern kann, dass Viktoria Rabenhorst aus Frust noch einmal Kleidung zerrissen hat, seitdem sie ihren Sprachcomputer hat.
Talker mit Mehrwert
Aber der Talker spricht nicht nur für Viktoria Rabenhorst, sondern hat auch Musik gespeichert. Das ist ein weiterer Trumpf für die junge Frau. Sie weiß nämlich ganz genau, dass bei Helene Fischer die Meinungen auseinander gehen: "Für die einen ist das beste Laune Musik. Uns Mitarbeitende will sie auch ein bisschen ärgern, aber eigentlich haben wir dann alle viel Spaß miteinander", freut sich Berchem.