Sozialminister Laumann: Menschen in sozialen Berufen sind unverzichtbar

Bad Oeynhausen/ Düsseldorf (AM). "Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, haben kein erotisches Verhältnis zu Akten. Die Mitarbeiter haben ihren Beruf gewählt, weil sie mit Menschen zusammenarbeiten wollen. Dokumentation muss sein, aber die Bürokratie darf nicht über den Kopf wachsen. Die Mitarbeiter müssen Zeit haben, um sich auch mal in Ruhe auf eine Bettkante zu setzen und mit einem Menschen auch mal ein bisschen Zeit zu verbringen", erklärte Karl-Josef Laumann, der Minister für Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, beim Aschermittwochsempfang der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen.

Als der Minister betonte, dass Zeit für den Einzelnen nicht nur den Menschen zu Gute komme, die Hilfe brauchen, sondern auch den Mitarbeitenden, damit sie Spaß an ihrem Berufen behielten, reagierten die über 340 Entscheidungsträgern aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Sozialwesen und Kirchen sowie Mitglieder der Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen mit Zwischenapplaus. Laumann betonte: "Menschen in sozialen Berufen sind die, wahren Gesichter unseres Sozialstaates. Sie sind unverzichtbar! Wir haben die Pflicht und Aufgabe, dass sie in vernünftigen Arbeitsverhältnissen arbeiten." Dabei verwies Laumann auf den Koalitionsvertrag, der in der letzten Woche in Berlin ausgehandelt wurde, weil darin festgelegt worden sei, dass die Kostenträger verpflichtet werden, die Lohnerhöhungen bei der Pflege zu refinanzieren.

Bundesteilhabegesetz (BTHG)

Im Mittelpunkt des Aschermittwochsempfangs stand das neue Bundesteilhabegesetz, das Laumann als Meilenstein auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft bewertete. Es stelle den Menschen mit Behinderung in den Mittelpunkt und ermögliche so auch flexibel auf die verschiedenen Lebensentwürfe von Menschen mit Behinderung in unterschiedlichen Generationen einzugehen. Durch das Bundesteilhabegesetz werde sich die Behindertenhilfe und auch große Träger wie der Wittekindshof verändern. Angebote müssten regionalisiert, dezentralisiert und kleine Wohnungen statt großer Wohnhäuser geschaffen werden. "Die Menschen mit Behinderung sind nicht für die Einrichtungen da, sondern die Strukturen sind für Menschen mit Behinderung da", erklärte Laumann, der Träger wie den Wittekindshof aufgefordert hat, mehr Integrationsunternehmen zu gründen. Das Bundesteilhabegesetz habe mit dem Budget für Arbeit auch gute Grundlagen geschaffen, damit Menschen mit Behinderung auch über Integrationsunternehmen auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig werden und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen könnten.

Komplexität des Gesetzes überfordert und benachteiligt

Der Wittekindshofer Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke warnte vor ansteigendem Personalbedarf in den Verwaltungen durch die im Bundesteilhabegesetz festgelegte Systemänderung, durch die auch Leistungslücken nicht ausgeschlossen werden könnten: "Für Menschen mit schwerer mehrfacher und vor allem geistiger Behinderung besteht ein hohes Risiko, mit der Komplexität der neuen gesetzlichen Regelungen nicht zurecht zu kommen und dadurch benachteiligt zu werden", mahnte Starnitzke, der auch befürchtet, dass sich deswegen viele Ehrenamtliche aus der Betreuer zurückziehen und Berufs- oder Vereinsbetreuer diese Aufgaben übernehmen müssten.

Exemplarischer Film mit Detlef Luchtmeier

Stellvertretend für rund 850 Personen, die in den Wittekindshofer Wohnhäusern leben und ohne oder nur mit wenigen Worten kommunizieren, hat Starnitzke in einem Kurzfilm Detlef Luchtmeier vorgestellt und betont: "Es ist dringend geboten, dass diese Menschen im gesamten Verfahren der Bedarfsermittlung, Leistungsfeststellung und Planung der Fördermaßnahmen von Menschen begleitet und unterstützt werden, die sie gut kennen und ihren Wunsch und Willen verstehen und zur Geltung bringen können." Im Film hatte Clarissa Maschmeier, die als stellvertretende Bereichsleitung in der Wohngruppe von Detlef Luchtmeier arbeitet, berichtet: "Detlef redet mit Mimik und Gestik und mit dem ganzen Körper. Er äußert seine Wünsche von sich aus. Wichtig ist, sich ganz viel Zeit zu nehmen. Vertrauen und Beziehungsaufbau helfen beim Verstehen." Selbst sein Bruder und rechtlicher Betreuer, Joachim Luchtmeier, kommt bei vielen Themen an seien Grenzen: "Ich kann nicht alles verstehen, was er sagt. Die Betreuer im Wittekindshof sind da viel besser als ich."

Premiere: Simultanübertragung in Leichte Sprache

Schon in seiner Begrüßung hatte der Wittekindshofer kaufmännische Vorstand Marco Mohrmann die Gäste darüber informiert, dass erstmals alle Rede simultan durch Kathrin Berger aus dem Büro für Leichte Sprache Wittekindshof übertragen werden, nachdem sich Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistiger Behinderung über zu lange Sätze, zu schwere Worte oder komplizierte Gedanken beschwert hätten. Viele Mitglieder der Wittekindshofer Klientenvertretungen lobten den neuen Service. Dogan Sancar erklärte: "Ich habe das jetzt gut verstanden, aber habe auch mal den Kopfhörer abgenommen, um den Minister live zu hören." Stolz war der junge Mann, dass er den Minister persönlich mit Handschlag verabschieden konnte.

Weitere Berichte vom Aschermittwochsempfang und den Film finden Sie in der <link record:dce_meldungen:tt_content:5518 rte-internal>Meldung: "Wer ist hier eigentlich behinderte?"