Aktiv am Leben teilgenommenIn Gedenken an Karl Silberberg

Der Wittekindshof erinnert am 27. Januar an sechs jüdische Bewohner*innen, die 1940 im Zuge des „Euthanasie"-Programms der Nazis ermordet wurden. Einer von ihnen war Karl Silberberg.  

Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stellt die Stiftung die Biografien dieser sechs Menschen vor. Sie sind anhand von Patientenakten und Krankenblättern aus dem Archiv des Wittekindshofes sowie durch Recherchen, insbesondere in der Datenbank der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, rekonstruiert worden. Ziel ist es, die Menschen hinter den Akten sichtbar zu machen – ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Würde – und so ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

  • Kindheit

    Karl Silberberg wurde am 9. Juni 1892 in Bad Rothenfelde im Landkreis Osnabrück geboren. Er wuchs in einer jüdischen Familie auf, die von Schicksalsschlägen nicht verschont blieb: Seine Mutter starb, als Karl Silberberg noch klein war, von den beiden Brüdern starb einer im Ersten Weltkrieg. Sein Bruder Alfred führte eine Schlachterei im Heimatort, in der auch Karl Silberberg mithalf und in der Familie lebte. Auch eine Schwester, die später im Ruhrgebiet lebte, wurde später ein Opfer des Holocaust.

    Schon früh wurde deutlich, dass Karl Silberberg körperlich klein und schwach war. Er galt als freundlich, verspielt und hilfsbereit, hatte aber eine geistige Beeinträchtigung mittleren Grades. Besonders gerne spielte er mit kleinen Kindern, war gesprächig und zeigte Freude an einfachen Beschäftigungen.

  • Erstarken der Nazis

    Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus änderte sich das Leben der Familie Silberberg dramatisch. Als jüdische Familie gerieten sie ins Visier der wachsenden antisemitischen Hetze und Ausgrenzung. Die Familie erwog 1936 die Auswanderung nach Amerika. Karls Beeinträchtigung machte seine Aufnahme in den USA jedoch unmöglich. Ein Nachbar, ein Arzt, unterstützte die Familie bei der Suche nach einer geeigneten Einrichtung für Karl Silberberg. Nach einer Anfrage in Bethel, die abgelehnt wurde, kam der Kontakt zum Wittekindshof zustande. Der Wittekindshofer Arzt Dr. Augener kannte den Arzt persönlich und setzte sich für Karl Silberberg ein.

    Am 26. März 1936 wurde Karl Silberberg im Lazarusheim des Wittekindshofes aufgenommen. Die Kosten übernahm der Bezirksfürsorgeverband Osnabrück. In den ersten Wochen wurde Karl Silberberg als freundlich und bemüht beschrieben, besonders im Umgang mit Kindern. Er war jedoch oft abgelenkt, erzählte viel und sprach immer wieder von der Auswanderung der Familie seines Bruders und den schwierigen Zeiten für Juden unter dem NS-Regime. Trotz seiner Beeinträchtigung zeigte er eine große Offenheit und suchte den Kontakt zu anderen Menschen.

  • Im Wittekindshof wurde Karl zunächst in der Buchbinderei, später in der Rohrflechterei eingesetzt. Im Mai 1936 erfolgte eine Verlegung nach Schloss Ulenburg, wo er in der Schälstube arbeitete. Im Oktober 1937 zog er ins Vorwerk, wo er weiterhin einfache Tätigkeiten verrichtete. 1937 wurde für Karl Silberberg eine Gebrechlichkeitspflegschaft beantragt, die ein Wittekindshofer Verwaltungsangestellter übernahm.

    Die Krankenakten aus dieser Zeit zeichnen das Bild eines Menschen, der trotz seiner geistigen Einschränkungen aktiv am Leben teilnahm, aber auch zu Fantasiegeschichten und Sammelleidenschaft neigte. Immer wieder wurde erwähnt, dass Karl seine jüdischen Riten zu pflegen und zu bewahren versuchte, auch wenn das im Wittekindshof nicht von jedem gutgeheißen wurde und man sich sogar lustig über ihn machte.

  • Ermordung

    Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation für jüdische Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen dramatisch. Am 21. September  1940 wurde Karl Silberberg in die Anstalt Wunstorf verlegt, um am 27. September in der Tötungsanstalt im alten Zuchthaus in Brandenburg an der Havel vergast zu werden.

    Niemand wusste, wo Karl Silberberg verblieben war, auch sein Gebrechlichkeitspfleger nicht, der im Dezember 1942 die Pflegschaft niederlegen musste, weil „das Mündel Jude ist".