Enger (AM). Vor zehn Jahren sind die erste Bewohnerin und die ersten Bewohner in das neue Wittekindshofer Wohnhauses an der Bielefelder Straße in Enger eingezogen. Der Umzug in den Neubau war damals für viele ein großer Schritt. Sie hatten jahrzehntelang auf dem Wittekindshofer Gründungsgelände in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen oder in den Wohnhäusern und im Schloss Ulenburg in Löhne gelebt. Der Abschied ist schwer gefallen, aber heute will keiner mehr zurück. Manfred Budina schätzt in Enger die zentrale Wohnlage und die kurzen Wege zum Einkaufen. Anderen ist die Trommelgruppe La Comparsa, eine Kooperation mit der Musikschule Enger-Spenge, oder die Nähe zum Wittekindshofer Kontakt- und Informationszentrum (KIZ) Café SoLero direkt im Nachbarhaus besonders wichtig.
"Man kennt uns und man grüßt uns"
Reinhard Kleinschmidt ist ein paar Jahre später eingezogen. Er freut sich über die enge Zusammenarbeit mit dem Generationentreff Enger: „Hier kommen immer Gäste zum Malen. Das macht Spaß“ erklärt der Rollifahrer, der auch im Rahmen der Tagesstrukturierenden Angebote am liebsten bastelt und stolz ist, dass seine mit unzähligen glitzernden Pailletten verzierten Tierfiguren in einer Vitrine im Eingangsbereich ausgestellt sind. „Wir sind in Enger sehr gut aufgenommen worden. Man kennt uns und man grüßt uns. Viele Bewohnerinnen und Bewohner werden mit Namen angesprochen. Sie sind als Mitbürgerinnen und Mitbürger akzeptiert“, freut sich Marcel Ungemach, der schon vor zehn Jahren die Umzüge von Löhne nach Enger begleitet und vor fünf Jahren die Leitung des Haues übernommen hat, seitdem sein Vorgänger Diakon Christoph Horstmann das Ambulant Unterstützten Wohnen in Enger leitet.
Veränderungen in zehn Jahren
„Schon vor der Eröffnung des neuen Wohnhauses hat der Wittekindshof Männer und Frauen in der eigenen Wohnung unterstützt. Mittlerweile nutzen rund zwanzig Personen mit geistiger Behinderung, psychischer Beeinträchtigung oder Autismus-Spektrum-Störungen das Ambulant Unterstützte Wohnen. Auch eine Frau und drei Männer aus unserem Haus haben den Schritt in die Selbständigkeit mit Erfolg gewagt und leben jetzt in einer eigenen Wohnung“, berichtet Ungemach. Von den 24 Bewohnern, die vor zehn Jahren in den Neubau eingezogen sind, leben heute noch elf in dem zweigeschossigen Wohnhaus. Im großen Gemeinschaftsraum hängen Fotos von zehn ehemaligen Bewohnern: „Sie sind leider schon verstorben. Auch wenn das Alter Spuren hinterlassen hatte und Bewohner auf umfangreiche Pflege angewiesen waren, musste keiner ausziehen. Wir konnten sie bis zu ihrem Lebensende begleiten“, erklärt Ungemach.
Viel Individualität
Im Wohnhaus wird Individualität groß geschrieben. Das ist auch in den 24 Einzelzimmern erkennbar, die alle bewohnt sind. In Uwe Hoppmanns Zimmer hängen Dutzende Fensterbilder und Mobiles von der Decke. Außerdem fällt seine große DVD-Sammlung sofort in den Blick. Manfred Budina hat überall an der Wand und an den Schränken Fotos von Politiker aufgehängt. Bei der Bundestagswahl weiß er schon ganz genau, bei welcher Partei er sein Kreuz setzt, trotzdem sind in seinem Zimmer Politikerinnen und Politiker verschiedener Couleur zu sehen. Im Vergleich zu diesen Zimmern sind andere eher reizarm eingerichtet, damit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen sie als Rückzugsort und zum Entspannen nutzen können. Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben sich ein eigens Sofas oder einen gemütlichen Sessel gekauft, um es sich mit oder ohne Fernsehen gemütlich zu machen. „Die Altersspannen reicht von Anfang 20 bis über 80 Jahre. Die Interessen sind sehr vielfältig. Schreibtisch und Computer sind ebenso zu finden wie einfaches Spielzeug, mit dem sich ein junger Mann stundenlang beschäftigen kann“, erklärt Marcel Ungemach.
Zehnjährige Jubiläum
Das zehnjährige Jubiläum feiern Bewohnerinnen und Bewohner zusammen mit Angehörigen, Freunden, Nachbarn und Kooperationspartnern Anfang September. Eingeladen sind auch die Familien, die teilweise seit vielen Jahren im Rahmen der Verhinderungspflege oder zur Unterstützung in besonderen Betreuungssituationen das Kurzeitwohnen nutzen. Festvorbereitungen stehen deswegen schon seit Wochen auf dem Programm der Tagesstrukturierenden Angebote, an denen die Rentner des Hauses teilnehmen, um einen abwechslungsreichen Tages- und Wochenablauf zu erleben. Bei den Bastelarbeiten für das Fest werden sie aber nach Feierabend in der Werkstatt auch von den Jüngeren unterstützt.