Lübbecke (AM). „Hier ist es viel besser als in meiner alten Wohnung. Ganz alleine wohnen ist nichts für mich. Hier sind die Mitarbeiter viel mehr da und ich kann reden und die hören mir zu“, erklärt Nina Kummer. Die junge Frau, war Anfang März eine der ersten die in die neue Hauswohngemeinschaft in der Hermannstraße in Lübbecke eingezogen ist. Geplant war das Doppelhaus mit jeweils zwei Wohnungen ursprünglich für Flüchtlinge. Jetzt hat die Diakonische Stiftung Wittekindshof den Neubau von der Stadt Lübbecke gemietet und nutzt ihn als Hauswohngemeinschaft für 10 Frauen und Männer mit Behinderung, die viel Unterstützung im Alltag und in der Nacht Sicherheit durch eine Schlafbereitschaft im Haus brauchen.
In der eigenen Wohnung mit viel Unterstützung
„Ich bin hier eingezogen, um selbstständig zu sein und um immer mehr Aufgaben selbst zu übernehmen“, erklärt Rainer Spenrath, der ebenso wie drei andere Frauen und Männer vorher in einer der beiden spezialisierten Wittekindshofer Wohngruppen in Lübbecke für Menschen mit Prader-Willi-Syndrom (PWS) gelebt hat. Die seltene angeborene Behinderung ist mit einer meist leichten geistigen Behinderung, Esssucht, Stoffwechselbesonderheiten und herausforderndem Verhalten verbunden. Ein ambulantes Wohnangebot für Menschen mit Prader-Willi-Syndrom gibt es bisher nur in Oberhausen. „Die neue Hauswohngemeinschaft ist eine westfälische Premiere. Sie geht einen Schritt weiter als das bundesweit einzige Vorbild in Oberhausen, weil es keine reine PWS-Hauswohngemeinschaft ist, sondern die Mieterinnen und Mieter unterschiedliche Behinderungen haben. Diese gemischte Wohnform war ein ausdrücklicher Wunsch von Bewohnern der PWS-Wohngruppen“, erklärt der für die Wittekindshofer Wohnangebote im Altkreis Lübbecke verantwortliche Geschäftsbereichsleiter Diakon Burkhard Hielscher, der die Lage des Neubaus in direkter Nachbarschaft zu Einfamilienhäuser ideal findet, weil auch die Innenstadt und das Wittekindshofer Kontakt- und Informationszentrum (KIZ) gut mit dem Fahrrad erreichbar sind.
Gemischtes Wohnangebpot für Menschen mit PWS
Das Interesse an den Wohnungen war insbesondere in den PWS-Wohngruppen am Zollamt und in der Fontanestraße so groß, dass alle Interessierten bei Bedarf auch mit Unterstützung der Mitarbeitenden eine Bewerbung geschrieben haben. „Die Entscheidung haben wir zusammen mit zwei Psychologinnen getroffen. Wichtig war, welche Entwicklungsschritte beispielsweise durch Besuch der Wohnschule bereits erfolgt sind und welche Perspektiven möglich wären“, berichtet Hielscher.
Drei Mieterinnern haben auch bisher schon in einer eigenen Wohnung gelebt und sind in die Hauswohngemeinschaft umgezogen, weil sie mehr Unterstützung als bisher benötigen. Alle anderen wagen erstmals den Schritt in die Selbständigkeit. Vorbereitet haben sie sich teilweise schon seit Jahren. In ihren Wohngemeinschaften, im Elternhaus oder in der Wohnschule haben sie viel soziale Kompetenzen, aber auch Waschen, den Umgang mit Geld, Einkaufen, Aufräumen und Putzen, sicheres Verhalten im Straßenverkehr und die Nutzung von Bus und Bahn und das richtige Verhalten in Notfällen trainiert. „Wir gucken bei jedem einzelnen, in welchen Bereich wieviel Unterstützung nötig ist. Besondere Schwerpunkte sind Bewegungsförderung und Ernährung, was nicht nur für Menschen mit Prader-Willi-Syndrom sehr wichtig ist, sondern auch für diejenigen die an der Adipositas-Selbsthilfegruppe teilnehmen“, erklärt Diakonin Janine Pollex, die das pädagogische Team leitet und eng mit einem ambulanten Pflegedienst zusammenarbeitet, der soweit es nötig ist die regelmäßige Medikamenteneinnahme sicherstellt und Unterstützung im Rahmen der Pflegeversicherung leistet.
Katherine Wrede gehört zu denjenigen, die in der Hermannstraße zum ersten Mal in eine eigene Wohnung gezogen sind. Die 29-Jährige hat in den letzten Jahren ihr Gewicht fast halbiert und findet es gut, dass die Mitarbeitenden ihr weiterhin helfen, das Essen einzuteilen. Die alltägliche Arbeitsteilung im Haushalt regelt sie mit ihrer Mitbewohnerin selbständig: „Ich wasche ab und Isabella trocknet ab. Wir lassen das Geschirr nicht stehen bis es gammelig ist, sondern machen das immer gleich nach dem Essen“, berichtet Wrede, die großer Schalke Fan ist. Ihre Mitbewohnerin, Isabella Bettmann, stammt aus Dortmund und ist BVB-Fan, aber das belastet die Wohngemeinschaft nicht, denn jede hat ihren Rückzugsraum im eigenen Zimmer. Beide genießen es, dass es in der neuen Wohnung viel ruhiger ist und weniger Streit als früher in der Wohngruppe gibt: „Bis jetzt läuft das gut und die Mitarbeiter helfen uns, damit es nicht eskaliert“, freut sich Wrede.