Ostwestfalen-Lippe (AM) Tyler spielt gern Polizist. Der Siebenjährige hat klare Vorstellungen: Hände auf den Rücken kreuzen, dann abtasten. Bei seinen Festnahmen braucht Tyler keine Handschellen - und auch keinen Rollstuhl. Letzteres ist alles andere als selbstverständlich. Tyler ist viel zu früh, in der 30. Schwangerschaftswoche, zur Welt gekommen, musste kurz nach der Geburt operiert werden, hatte schwere Hirnblutungen, häufige Infekte und war an Geräte angeschlossen, die Alarm schlugen, wenn etwas nicht in Ordnung war. Wochenlang war Tyler in der Klinik, dann ist er in den Kinder- und Jugendbereich der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen umgezogen.
Vom Wohnhaus in die Pflegefamilie
"Tyler war mit vier Monaten der Jüngste im Haus. Er hat sich stabilisiert, aber wir mussten davon ausgehen, dass er wahrscheinlich dauerhaft auf viel Pflege und einen Rollstuhl angewiesen sein wird", erklärt Diemut Thoss, die als stellvertretende Geschäftsbereichsleitung Tyler aufgenommen und zusammen mit dem Mitarbeiterteam Zukunftsperspektiven entwickelt hat. "Wir haben damals angefangen, Westfälische Pflegefamilien auf die Aufnahme eines Kindes vorzubereiten und sie später zu begleiten. Tyler war das erste Kind, für den wir eine Familie gefunden haben", erinnert sich Thoss und ist tief beeindruckt von seiner Entwicklung.
Im Kindergartenalter hat Tyler angefangen, an einem Rollator zu laufen. Den hat er schon lange nicht mehr: "Vor 18 Monaten hat die Kinderorthopädin im Bad Oeynhausener Krankenhaus Tylers Fuß operiert. Seitdem klappt das Laufen immer besser. Wir freuen uns über jeden kleinen Fortschritt, auch wenn es für uns vollkommen in Ordnung gewesen wäre, wenn er auf einen Rollstuhl angewiesen wäre", berichtet seine Pflegemutter*.
Pflegeeltern und leibliche Eltern
Seine Pflegeeltern sind "Mama" und "Papa". Aber Tyler kennt auch seine leiblichen Eltern, mit denen es regelmäßige Treffen gibt. Während seine beiden Mütter noch miteinander reden, verschwindet Tyler am liebsten sofort mit seinem Vater zum Spielen. Die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Erwachsenen ist wichtig. "Wenn er unsicher ist, bittet er um Hilfe, die er oft aufgrund seiner motorischen Einschränkungen oder seiner geistigen Behinderung braucht. Aber es ist auch ganz wichtig, ihn zu ermutigen, es selbst zu probieren", erklärt seine Pflegemutter.
Seit einem Jahr geht Tyler zur Schule am Weserbogen. Während der Unterrichtszeit bekommt er nach ärztlicher Verordnung Physiotherapie und Logopädie: "Das ist eine große Entlastung, weil uns viele Fahrten zur Therapie erspart bleiben", erklärt die Pflegemutter, die auch den Familienunterstützenden Dienst in Anspruch nimmt, der stundenweise die Betreuung von Tyler übernimmt: "Tyler redet den ganzen Tag und braucht ein Gegenüber, das sich in seine Sprache eingehört hat. Lange hat er nur lautiert, jetzt sind Worte zu verstehen. In der Schule trainiert er den Umgang mit dem Sprachcomputer, da er Sprache viel besser versteht als er selbst in Worte fassen kann", betont die Pflegemutter.
Aufmerksamkeit und Liebe der Pflegefamilie sind ideale Startbedingungen
Nadine Irmer vom Team der Westfälischen Pflegefamilien Wittekindshof begleitet die Familie: "So viel Aufmerksamkeit ist in einer Wohngruppe nicht immer möglich. Gerade weil er für viele Entwicklungen deutlich mehr Zeit als andere Kinder braucht, ist die Familie ein großer Glücksfall für Tyler. Jugendämter melden sich oft bei uns. Auf unserer Liste stehen Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und Bedürfnissen", erklärt die Rehabilitationspädagogin, die auf der Suche nach Familien auch offen ist für Alleinerziehende oder Regenbogenfamilien. "Wichtig sind Erfahrung mit Kindern oder eine pädagogische oder pflegerische Ausbildung. Nicht immer wird es wie bei Tyler gelingen, dass sie sich nach einem so schweren Start ins Leben zu kleinen Polizisten ohne Rolli entwickeln. Die Aufmerksamkeit, Anregungen und Liebe einer Pflegefamilie sind aber ideale Voraussetzungen für ein Leben in Geborgenheit und möglichst viel Selbständigkeit", ist Irmer überzeugt.
Kontakt und Infoveranstaltung
Kontakt: Wittekindshof, Westfälische Pflegefamilien, Tel.: (0 57 34) 61-15 55, wpf@wittekindshof.de. Weitere Informationen: <link http: www.wittekindshof.de wpf>www.wittekindshof.de/wpf
Eine Informationsveranstaltung über Westfälische Pflegefamilien (WPF) findet am Donnerstag, 14. September, um 16.30 Uhr, im Wittekindshofer Kontakt- und Informationszentrum, KIZ Volmerdingsen, Zum Dorfplatz 2, 32549 Bad Oeynhausen-Volmerdingsen statt.
* Der Namen und Wohnort der Pflegefamilie in Ostwestfalen-Lippe dürfen zum Schutz des Kindes nicht genannt werden.