Quartalsnews

Drei Minuten StilleJahresempfang macht Kommunikationsbarrieren erlebbar

Plötzlich wird es unruhig im Saal der Wittekindshofer Werkstatt an der Sonnenbrede. Die etwa 230 Gäste des Jahresempfangs beugen sich zu ihren Sitznachbar*innen, gestikulieren mit den Händen, zeigen auf imaginäre Gegenstände, formen Bewegungen in der Luft. Bad Oeynhausens Bürgermeister Lars Bökenkröger versucht mit ausladenden Handbewegungen deutlich zu machen: „Ich schreibe dir eine Postkarte, wenn ich im Urlaub bin.“ 

Andere mühen sich mit Alltagssätzen wie „Ich möchte Kaffee mit viel Milch und zwei Löffel Zucker.“ Drei Minuten lang ohne Worte, ohne Schrift, ohne Handy.

„Ganz schön kompliziert!“, ruft jemand aus dem Publikum, als Annika Lange-Kniep, Leiterin des Wittekindshofer Büros für Leichte Sprache, die Übung beendet. „In diesem Moment war das vielleicht kurz witzig, wir sind in Kontakt gekommen, es hat Spaß gemacht", sagt sie. „Aber stellen Sie sich vor, das haben Sie jeden Tag, 24/7, Ihr Leben lang.“

Die Botschaft sitzt. Was eben noch für Lacher sorgte, offenbart seine ganze Tragweite: Für Menschen, die keine oder eine stark eingeschränkte Lautsprache haben, ist diese Situation kein dreiminütiges Experiment, sondern Alltag. „Das erfordert, dass ich damit umgehen kann, mit diesem Frust“, erklärt Annika Lange-Kniep. „Bei manchen Menschen entsteht sogar herausforderndes Verhalten und Aggression. Einige verletzen sich selbst oder andere. Das sind mögliche Folgen, wenn man nicht die passenden Kommunikationshilfen für sich hat.“

Kommunikation lernen wie eine Fremdsprache

Die Expertin macht in ihrem Vortrag deutlich: Unterstützte Kommunikation ist kein schnelles Hilfsmittel, sondern ein Lernprozess, vergleichbar mit dem Erlernen einer Fremdsprache. „Ich muss viel üben, ich brauche viele Wiederholungen, ich brauche jemanden, der in der Fremdsprache spricht, jemanden, der es mir zeigt“, erklärt sie. 

Das Spektrum der Hilfsmittel ist dabei breit gefächert: von körpereigenen Formen wie Blicken und Gebärden über Kommunikationsbücher mit Symbolen bis hin zu hochmodernen Sprachcomputern, sogenannten Talkern, die sogar per Augensteuerung bedient werden können.

Den eindrucksvollsten Beweis für die Kraft der Unterstützten Kommunikation liefert an diesem Abend Konstantin Eichmann. Der 60-Jährige ist UK-Referent bei der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation und hält seinen gesamten Vortrag über seinen Talker. Satz für Satz erzählt die Computerstimme von einem Leben, das lange Zeit ohne Worte auskommen musste. 

„Schlimm war es, wenn ich allein zu Hause war. Wenn dann Freunde oder Verwandte zu Besuch kamen, konnte ich ihnen nicht erklären, wo meine Eltern waren. Manchmal sind sie wieder weggefahren, obwohl meine Eltern ganz in der Nähe waren. Ich war dann immer sehr traurig.“

Erst mit 36 Jahren erhielt er seinen ersten Talker. „Das war eine große Veränderung in meinem Leben. Seitdem habe ich viele neue Möglichkeiten. Endlich kann ich sprechen und lesen und schreiben lernen.“ Heute lebt Konstantin Eichmann selbstständig in seiner eigenen Wohnung, arbeitet in den Herforder Werkstätten der Lebenshilfe Herford, führt Besuchergruppen durch die Einrichtung und hält für die Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation Vorträge. 

Sein Talker ist mit seinem Handy vernetzt, sodass er jederzeit telefonieren und SMS schreiben kann. „Ohne meinen Talker wäre fast gar nichts von meinen Tätigkeiten möglich. Ich wüsste nicht viel über meine Mitmenschen und niemand wüsste etwas über mich und mein Leben.“

Politik bekennt sich zu barrierefreier Kommunikation

Zu den Ehrengästen aus Politik, Gesellschaft, Diakonie und Kirche zählte auch Christina Weng, SPD-Landtagsabgeordnete und Mitglied im Stiftungsrat des Wittekindshofs. Sie ordnete zuvor das Thema gesamtgesellschaftlich ein: „Wir haben in Nordrhein-Westfalen circa 1,6 Millionen Menschen mit funktionalem Analphabetismus. Die Leichte Sprache ist nicht nur für die, die unter Kommunikationsproblemen aufgrund von Erkrankung leiden, sondern es ist auch ein tatsächlich gesellschaftliches Problem.“

Peter Kock, seit wenigen Monaten Bürgermeister der Stadt Minden, betonte die Bedeutung der Haltung: „Es geht immer auch am Anfang um die Bereitschaft, barrierefreie Kommunikation zu ermöglichen. Was Menschen mit Einschränkungen hilft, davon bin ich überzeugt, hilft uns allen.“ Lars Bökenkröger machte ebenfalls deutlich: „Was mir ganz wichtig ist: Die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung nehmen sich Zeit. Denn das ist nach wie vor Kommunikation von Mensch zu Mensch.“

Mehr Zeit, mehr Qualifizierung, mehr Ressourcen

Annika Lange-Kniep formuliert am Ende ihres Impulses einen deutlichen Appell: „Wir brauchen vor allen Dingen mehr Wissen, mehr Qualifizierung, wir brauchen mehr finanzielle Möglichkeiten und Zeitressourcen, um das wirklich auch zum Kommunikationserfolg zu bringen."

Denn eines hat der Abend eindrücklich gezeigt: Die beste Technologie ist nur so gut wie die Menschen, die sie einsetzen und die sich die Zeit nehmen, Kommunikation gemeinsam zu lernen. Oder wie es der Theologische Vorstand Pfarrer Marian Zachow zu Beginn des Themenblocks formulierte: „Die besten technischen Möglichkeiten helfen nicht, wenn man nicht kommunizieren kann.“