"Ein bisschen Abwechslung"

Bad Oeynhausen-Volmerdingsen (JP). Es ist das erste Mal, dass Erika Scherrer ihrem Bruder Ludwig wieder ohne Maske im Freien begegnen kann. Gemeinsam sitzen sie im Garten des Hauses Simon auf dem Wittekindshofer Gründungsgelände in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen. "Es war schon traurig, ihn während des geltenden Betretungsverbots nicht sehen zu können", sagt die Gütersloherin. Dafür genießen sie die gemeinsame Zeit umso mehr.

Üblicherweise besuchen Erika Scherrer und ihr Mann Hilmar ihren Bruder und seinen Schwager Lutz, wie Ludwig von allen genannt wird, regelmäßig in Bad Oeynhausen, verbringen etwas Zeit zusammen und gönnen sich einen Kaffee und Kuchen im Wittekindshofer Kontakt- und Informationszentrum (KIZ). Darauf müssen sie auch noch bis auf Weiteres verzichten. Aber Besuche sind zumindest wieder möglich.

Gemeinsam mit Behörden Besuchskonzepte entwickelt

Die Corona-Schutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen sah ein Besuchs- und Betretungsverbot für Einrichtungen der Eingliederungshilfe vor. "Nach den ersten Lockerungen waren zumindest Besuche im Freien möglich", berichtet Diakon Andreas Mülke, stellvertretender Geschäftsbereichsleiter. "In den Wohnhäusern unseres Geschäftsbereichs leben viele erwachsene Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung und spezialisiertem Pflegebedarf teils mit Atemunterstützung oder Beatmungspflicht. Sie gehören natürlich zur Risikogruppe. Hier galt es, besondere Vorsicht zu wahren. Gemeinsam mit den zuständigen Behörden haben wir Konzepte entwickelt, die Besuche zumindest im Freien oder später auch wieder auf dem Zimmer ermöglichen", berichtet Mülke. Abstand halten, Handhygiene, Mundschutz, Gesundheitskontrollen und Dokumentation der Besuche sind nur einige Punkte, die einzuhalten sind.

"Zu einem glücklichen Leben gehören für alle Menschen soziale Kontakte. Diese wollten wir unseren Klienten auch nicht vorenthalten", betont der stellvertretende Geschäftsbereichsleiter. Deshalb habe sich die Geschäftsbereichsleitung schon in Vorbereitung auf die Lockerungen der Besuchsverbote passgenaue Begegnungsmöglichkeiten entwickelt. "Wir haben Pavillons angeschafft, Sitzgelegenheiten aufgestellt. Da Besucher auch häufig weitere Wege - etwa aus Hamburg oder dem Ruhrgebiet - auf sich nehmen, aber durch das Betretungsverbot in den Wohnhäusern nicht auf die Toilette durften, haben wir auch mobile Toilettenhäuschen angemietet", führt Mülke weiter aus.

Besuchsverbote mit Telefonaten und Aktionen überbrückt

Erika Scherrer und ihr Bruder Lutz haben das Besuchsverbot mit vielen Telefonaten überbrückt. Lutz Eickhoff fand diese Zeit trotzdem "nicht gut". Für das Ehepaar Scherrer waren die Einschränkungen zwar emotional belastend, aber absolut nachvollziehbar. "Natürlich haben wir das akzeptiert. Die Frauen und Männer, die hier wohnen, müssen besonders vor einer Ansteckung mit dem Virus geschützt werden", sagt Erika Scherrer. Dieses Verständnis hätten die meisten Angehörigen gezeigt, ergänzt Mülke und führt aus, dass zusätzlich zu normalen Telefonaten auch Videoanrufe ermöglicht wurden. Nun, wo Lutz Eickhoff wieder Besuch von seiner Schwester und seinem Schwager empfangen kann, sei es wieder besser. "Ein bisschen Abwechslung", sagt Eickhoff.

Für Abwechslung wurde in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof auch in der besuchsfreien Zeit gesorgt. "Der Alltag der Menschen, die unsere Angebote nutzen, hat sich in Zeiten des Besuchsverbots fast ausschließlich in den Wohngruppen und den Gartenbereichen abgespielt. Unser Ziel war es, das Leben der Männer und Frauen, die wir unterstützen und die zum Teil auch immobil sind, unter dem Gebot des Infektionsschutzes, etwas bunter zu gestalten", sagt der zuständige Geschäftsbereichsleiter Diakon Jan Meyer und fügt hinzu: "Denn eigentlich sind wir ein sehr feierfreudiger Geschäftsbereich, in dem viel gelacht wird."

Kreativer Einsatz von Mitarbeitenden

Und so stellte sich Jan Meyer beispielsweise selbst an den Grill, um für Menschen mit Behinderung und Wittekindshofer Mitarbeitende Bratwürste zu rösten. "Zusätzlich gabes kurze Outdoor-Konzerte von musikalischen Mitarbeitenden des Geschäftsbereiches vor den Wohnhäusern, denen die Bewohner von den Balkonen aus zuhören konnten. Menschen, die nicht mobil sind, konnten bei offenem Fenster lauschen." Die Stimmung sei sehr gut gewesen: "Viele haben direkt mitgesungen. Die Ideen dazu kam von den Mitarbeitenden selbst, die mit viel Eigeninitiative und Kreativität dafür gesorgt haben, dass wir diese für alle schwierige Zeit gemeinsam mit etwas Freude bewältigen", lobt Meyer.