Ein zweites Zuhause im Wittekindshof

Bad Oeynhausen/ Bünde/ Hamm/ Gronau /NRW (AM). „Kindern ein Zuhause geben“ ist das Motto des diesjährigen Weltkindertages am 20. September. In den Wohnhäusern der Diakonischen Stiftung Wittekindshof für Kinder- und Jugendliche leben rund 250 junge Menschen mit Behinderung vom Säuglingsalter bis zum Ende der Schulzeit in Bad Oeynhausen, Bünde, Hamm und Gronau. Sie stammen aus ganz Westfalen, aber auch aus dem angrenzenden Niedersachsen und dem Rheinland. Erheblich größer ist das Einzugsgebiet bei spezialisierten Wohnangeboten für Säuglinge mit schwerster Behinderung, für junge Menschen mit dem seltenen Prader-Willi-Syndrom oder für Kinder und Jugendliche mit stark herausforderndem Verhalten.

Zuhause geben ist Ziel und Anspruch

„Kindern ein Zuhause zu geben ist ein hohes Ziel und unser Anspruch. Aber wir wollen keine Konkurrenz zum Elternhaus aufbauen und wissen, dass wir Mama und Papa auch mit den besten pädagogischen Konzepten und engagierten, einfühlsamen Mitarbeitenden nicht ersetzen können“, erklärt Diakon Michael Nagelschmidt, der als Geschäftsbereichsleiter für den Kinder- und Jugendbereich in Bad Oeynhausen und Bünde verantwortlich ist. „Nur die Kinder selbst können entscheiden, ob der Wittekindshof für sie ein Zuhause ist. Unser Ziel ist es, den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Ort anzubieten, an dem sie sich wohlfühlen, sicher sind und sich gut entwickeln können“, betont der Geschäftsbereichsleiter, der mit seinem Team auch Westfälischen Pflegefamilien sucht und unterstützt, um Kindern eine Alternative zu Wohngruppen zu bieten, wenn sie nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können.

Eltern, die alles für ihre Kinder geben

Die Gründe, warum Kinder und Jugendliche überhaupt in einem der Wittekindshofer Wohnhäuser leben sind ganz unterschiedlich. „Einige Familien planen den Schritt langfristig, gestalten durch Kurzzeitwohnen fließende Übergänge, damit das Kind aus eigenem Erleben weiß: ‚Mama und Papa denken an mich und haben mich lieb, auch wenn ich im Wittekindshof bin‘“, berichtet Diakon Dietmar Gornik, der alles rund um die Aufnahmen und Umzüge koordiniert und deswegen viel Kontakt zu Eltern hat. Ausschlaggebend für den Umzug sind weite Schulwege, der hohe Aufwand rund um Therapie und Förderung oder die Sorge um Geschwisterkinder, Partnerschaft oder Ehe, die vernachlässigt werden: „Ein Kind mit Behinderung bindet viel Aufmerksamkeit durch Pflege rund um die  Uhr, Betreuung oder herausforderndes Verhalten, weswegen manchmal auch gemütliche Wohnungen in eine reizarmes Umfeld verwandelt werden, in das die Familie keine Freunde mehr einlädt, aber selbst auch nur noch selten das Haus für Besuche verlassen kann“, erklärt der Aufnahmekoordinator.

Neue Perspektiven eröffnen

In den meisten Fällen melden sich Mütter bei Gornik oder direkt im Wohnhaus am Dustholz in Bünde, wenn sie keine Perspektive mehr für ihr Kind und sich selbst sehen. „Mir begegnen auch sehr engagierte Väter, aber viele machen sich noch in der Schwangerschaft aus dem Staub, oder in den ersten Lebensjahren, wenn sie erfahren, dass das Kind eine Behinderung hat. Wenn die Mütter sich bei mir melden, sind sie oft völlig am Ende ihrer Kräfte. Trotzdem haben sie Angst, vor dem Vorwurf ihr Kind in ein Heim abzuschieben oder als Rabenmutter da zu stehen“, berichtet Gornik, der auch viele Anfragen von Kliniken oder Jugendämtern wegen Kindeswohlgefährdung bekommt: „Es gibt die Kinder, die in Krisen in die Klinik kommen, aber dann nicht mehr nach Hause können. Säuglinge mit schwerster Behinderung müssen sich manchmal erst über Jahre stabilisieren, bevor sich die Eltern die Pflege zu Hause zutrauen.“

Familie so lange wie möglich Zuhause unterstützen

„Der Wittekindshof hat  in den letzten Jahren Frühförderung, Autismusambulanz, Kindertagesstätten, Ganztagsschulen Familienunterstützende Dienste, Heilpädagogische Familienhilfe und Kurzzeitwohnen ausgebaut, um Familien zu unterstützen und stationäre Aufnahmen zumindest zu verzögern“, erklärt Uwe Thünemann, der als Ressortleiter für die Wittekindshofer Wohnangebote verantwortlich ist. „Wenn Kinder und Jugendliche in ein Wittekindshofer Wohnhaus umziehen, soll es möglichst in der Nähe ihrer Familie, um den Kontakt weiterhin gut pflegen zu können, weswegen Wohnhäuser für Kinder- und Jugendliche in Gronau, Bünde und Hamm entstanden sind und demnächst auch in Herne ein Neubau eröffnet wird“, berichtet der Ressortleiter, der sich neben der Regionalisierung auch für die Spezialisierung eingesetzt hat, um jungen Menschen mit stark herausforderndem Verhalten, dem seltenen Prader-Willi-Syndrom oder spezialisiertem Pflegebedarf wie Atemunterstützung oder schwer behandelbaren Epilepsien und Stoffwechselerkrankungen passende Wohnformen anbieten zu können.

"Ein zweites Zuhause, wo er sich wohlfühlt"

Gornik freut sich, wenn er Eltern wieder trifft, die er manchmal über einen längeren Zeitraum während des Aufnahmeprozesses begleitet hat. Das was ihm eine junge Mutter vor kurzem berichtet hat, hat er in Variationen schon oft gehört: „Wir können die Zeit mit unserem Kind jetzt wieder genießen. Die Überlastung ist vorbei. Wir freuen uns  auf seine Besuche zuhause. Aber er sagt jetzt auch, dass er sonntags zurück nach Hause in den Wittekindshof zu seinen Freunden und zur Schule will. Erst hat das wehgetan, aber wir haben verstanden, er hat jetzt ein zweites Zuhause, wo er sich auch wohl fühlt.“

Diakonische Stiftung Wittekindshof
Die Diakonische Stiftung Wittekindshof unterstützt in 20 Kommunen rund 4.100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung. Davon nutzen rund 2.400 Erwachsene und 250 Kinder und Jugendliche ambulante und stationäre <link internal-link>Wohnangebote. Viele von ihnen besuchen zusätzlich Frühförderung, Kindertagesstätten, Familienzentren, Förderschulen die Autismusambulanz, Therapeutische Praxen, das Medizinzentrum, werden vom Ambulanten Pflegedienst betreut oder absolvieren berufliche Qualifikationen. Der Wittekindshof und seine Tochtergesellschaften bieten rund 4.800 Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung.