Wohnen & Assistenz

Erinnerungen, die bleibenWittekindshofer Mitarbeitende schaffen Gedenkecke für verstorbene Kinder

Zwischen bunten Blumen und zwei Holzstelen, durch deren farbige Fenster das Licht schimmert, liegen sie im Kies: individuell bemalte Gedenksteine. Jeder einzelne erzählt von einem Kind, das hier im Wohnhaus Flensburg-Kiel des Wittekindshofs gelebt hat und verstorben ist. Ein Stein mit einem Löwen auf einer grünen Wiese, einer mit blauem Segelboot, ein anderer mit bunten Blumen und Herzen. Jeder Stein ist so einzigartig wie das Kind, an das er erinnert.

„Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir den Verstorbenen gedenken können“, sagt Laura Rethmeier, Pflegefachkraft auf der Wohngruppe Flensburg. Im Wohnhaus Flensburg-Kiel leben Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit schwersten Mehrfachbeeinträchtigungen und hohem pflegerischen und medizinischen Unterstützungsbedarf. Auf jeder der beiden Wohngruppen leben zwölf junge Menschen, die Altersspanne reicht von null bis 25 Jahren, manchmal auch darüber hinaus, bevor sie in den Erwachsenenbereich umziehen.

Gerade im vergangenen Jahr seien viele Kinder verstorben. „Das hat uns als Team sehr bewegt und den Wunsch verstärkt, einen festen Ort der Erinnerung zu schaffen“, berichtet Laura Rethmeier. Die Idee für die Gedenkecke stand schon länger im Raum, doch die Umsetzung sollte nachhaltig sein und gut in die bestehenden Rituale der Trauerarbeit passen. 

Steine von Angehörigen und Mitarbeitenden

Gemeinsam mit Angehörigen der verstorbenen Kinder haben die Mitarbeitenden in einem ersten Termin Gedenksteine bemalt, ganz individuell und liebevoll gestaltet für jedes Kind. „Nicht zu allen Angehörigen besteht der Kontakt oder es gibt Gründe, warum sie sich nicht beteiligen möchten“, erklärt Laura Rethmeier. 

Deshalb haben die Pflegefachkräfte in einem zweiten Termin für die Kinder, deren Angehörige nicht teilnehmen konnten, selbst Steine gestaltet. „Wir haben hier das Bezugspflegesystem, das heißt, jedes Kind hat eine Bezugspflegekraft. Und es gab viele Kolleginnen und Kollegen, die sich gefreut haben, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen“, erzählt die Pflegefachkraft. Sogar eine ehemalige Kollegin, die schon länger nicht mehr im Haus arbeitet, kam extra vorbei, um für ihr ehemaliges Bezugskind einen Gedenkstein zu gestalten.

Eine Kollegin aus dem Team, Elke Bölk, hat die Steine selbst gegossen, vorbereitet und nachbearbeitet, so dass sie auch wetterfest sind. Elke Bölk ist erfahrene Bastlerin und fertigt in ihrer Freizeit vieles selbst an. Sie gab dem Team Hilfestellung, besorgte die passenden Materialien, Farben und Co. 

Laura Rethmeier

Jedes Kind hat hier seinen Platz. Und das wird auch so bleiben

Im Garten des Wohnhauses Flensburg-Kiel wurde ein Beet angelegt, das jetzt im Sommer bunt blüht. In dem Beet finden sich auch zwei Holzstelen mit unterschiedlich farbigen Fenstern, durch die das Licht hindurchschimmert. „Wir wollten auch für unsere hier lebenden Kinder einen schönen Ort zum Verweilen schaffen“, sagt Laura Rethmeier. 

Die Gedenkecke ist ein wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit und Erinnerungskultur im Haus. „Für uns Pflegefachkräfte ist es wichtig, einen Ort zu haben, wo wir an die Kinder erinnern können. Wir möchten den Angehörigen zeigen: Wir vergessen ihre Kinder nicht. Sie bleiben hier Teil unserer Gemeinschaft, auch wenn sie verstorben sind.“ Diese Haltung entspringt dem diakonischen Auftrag des Wittekindshofs: Der Mensch, seine Geschichte und Individualität stehen im Mittelpunkt.

Begleiteter Abschied

Die Trauerarbeit im Wohnhaus Flensburg-Kiel folgt festen Ritualen. Wenn ein Kind stirbt, findet eine Aussegnung am Bett statt. Material aus einer Abschiedskiste mit Taschentüchern, Duftölen, Kerzen und kleinen Engelsfiguren, die den verstorbenen Kindern in die Hand gegeben werden, begleitet den Abschied. Das Kind darf noch eine Weile auf der Wohngruppe bleiben, bevor es abgeholt wird. 

Zwischen dem Sterben und der Beerdigung findet eine Abschiedsandacht im größeren Rahmen statt, an der Therapeutinnen und Therapeuten, Kolleginnen und Kollegen aus der Schule Wittekindshof und andere Menschen aus dem Umfeld des Kindes teilnehmen können. „Wir gestalten die Andacht sehr individuell, suchen passende Lieder aus, stellen persönliche Gegenstände auf“, erzählt Laura Rethmeier. Ein besonderes Ritual hat sich dabei fest etabliert: Ein Luftballon wird vom Parkplatz aus steigen gelassen, während alle vom Balkon aus zuschauen, wie er in den Himmel schwebt. „Das ist so ein symbolischer Moment des Loslassens“, sagt die Pflegefachkraft.

Die Gedenkecke fügt sich nun als fester Bestandteil in diese Rituale ein. Im Geist christlicher Nächstenliebe schaffen die Mitarbeitenden hier einen Raum, in dem Trauer und Erinnerung ihren Platz haben, als Ausdruck von Respekt und Verbundenheit. Sie ist ein Ort der Stille und des Trostes. Ein Ort, an dem die Kinder, die im Wohnhaus gelebt haben, nicht vergessen werden. „Jedes Kind hat hier seinen Platz. Und das wird auch so bleiben“, sagt Laura Rethmeier.