Familie hofft in der FerneIn Gedenken an Wolfgang Leyser

Der Wittekindshof erinnert am 27. Januar an sechs jüdische Bewohner*innen, die 1940 im Zuge des „Euthanasie"-Programms der Nazis ermordet wurden. Einer von ihnen war Wolfgang Leyser. 

Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stellt die Stiftung die Biografien dieser sechs Menschen vor. Sie sind anhand von Patientenakten und Krankenblättern aus dem Archiv des Wittekindshofes sowie durch Recherchen, insbesondere in der Datenbank der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, rekonstruiert worden. Ziel ist es, die Menschen hinter den Akten sichtbar zu machen – ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Würde – und so ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

  • Kindheit

    Wolfgang Leyser wurde am 24. Januar 1924 in Chemnitz geboren. Seine Eltern, Walter und Erna Leyser, waren jüdischen Glaubens. Der Vater war Kaufmann. Wolfgang Leyser hatte mindestens eine Schwester und eine enge Beziehung zu seiner Großmutter Rose Stern, die in Dresden lebte.

    Im Alter von vier Jahren erkrankte Wolfgang Leyser an einer schweren Hirnhautentzündung, die zu einer dauerhaften geistigen Beeinträchtigung führte. Er sprach nicht, konnte aber Melodien summen und gelegentlich sogar singen. Seine Mutter nannte ihn liebevoll „Wolfi". Wolfgang Leyser zeigte jedoch auch erhebliche Verhaltensauffälligkeiten: Er war häufig unruhig, neigte zu Wutausbrüchen und Zerstörung und benötigte daher intensive Betreuung.

  • Familie emigriert

    Die politischen Umstände jener Zeit überschatteten das Leben der Familie Leyser. 1939, im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung, emigrierten Wolfgang Leysers Eltern, seine Schwester und die Großmutter nach Argentinien. Um seine Versorgung zu sichern, schenkte Rose Stern ihrem Enkel 10.000 Reichsmark. Das Geld wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, sollte aber nie ausgezahlt werden.

  • Zeit im Wittekindshof

    Vor seiner Aufnahme im Wittekindshof lebte Wolfgang Leyser im Sonnenhaus in Buschgarten bei Fürstenwalde. Am 30. Mai 1938 wurde er auf Veranlassung der Eltern, die schon damals die Auswanderung planten, in das Aufnahmehaus Lazarusheim des Wittekindshofes aufgenommen. Aufgrund seiner ausgeprägten Unruhe, Weglauftendenzen und nächtlicher Aktivitäten konnte er nicht auf einer normalen Station bleiben. Er wurde mehrfach innerhalb der Einrichtung verlegt, unter anderem auf die Wachstation im Sachsenkreuz. Auch epileptische Anfälle erschwerten seine Betreuung zusätzlich.

  • Ermordung

    Trotz der räumlichen Trennung blieb der Kontakt zur Familie bestehen. Briefe seiner Mutter und Großmutter aus Argentinien zeugen von ihrer Sorge und ihrem Interesse an Wolfgang Leysers Wohlergehen. Besonders eindrücklich ist ein Brief von Erna Leyser an den damaligen Vorsteher des Wittekindshofes, Pfarrer Brünger, vom 24. September 1940. Darin schildert sie den Schmerz über den Tod ihres Mannes und die Hoffnung, dass es ihrem Sohn gut gehe – sie freut sich über ein zugesandtes Foto, auf dem Wolfgang gesund aussehe

    Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Situation ihres Sohnes bereits dramatisch verändert. Er befand sich bereits in der Landesheil- und Pflegeanstalt Wunstorf, von wo aus er am 27. September in der Gaskammer der Tötungsanstalt Brandenburg Havel ermordet wurde.