Familie muss Land verlassenIn Gedenken an Sabine Heilpern

Der Wittekindshof erinnert am 27. Januar an sechs jüdische Bewohner*innen, die 1940 im Zuge des „Euthanasie"-Programms der Nazis ermordet wurden. Eine von ihnen war Sabine Brigitte Heilpern.

Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stellt die Stiftung die Biografien dieser sechs Menschen vor. Sie sind anhand von Patientenakten und Krankenblättern aus dem Archiv des Wittekindshofes sowie durch Recherchen, insbesondere in der Datenbank der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, rekonstruiert worden. Ziel ist es, die Menschen hinter den Akten sichtbar zu machen – ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Würde – und so ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

  • Kindheit

    Sabine Brigitte Heilpern wurde am 30. Juni 1920 in Leipzig geboren. Sie war die Tochter von Franziska und Max Heilpern, einem angesehenen jüdischen Rechtsanwalt. 

    Schon als Kleinkind erkrankte Sabine vermutlich an einer schweren Gehirnentzündung, die zu einer dauerhaften geistigen und körperlichen Beeinträchtigung führte. Fortan war sie auf umfassende Betreuung angewiesen: Sie konnte sich nicht selbst an- oder auskleiden und musste gefüttert werden, obwohl sie in der Lage war, einen Löffel zum Mund zu führen.

  • Zeit im Wittekindshof

    Ihr Weg führte Sabine Heilpern ab 1927 durch verschiedene Pflegeeinrichtungen, zunächst in eine Einrichtung in Jena, ab 1931 im Heil- und Erziehungsinstitut Lauenstein in Altefelde bei Herleshausen. Dort galt sie als kaum noch förderbar und litt unter epileptischen Anfällen. 1938 wurde sie in den Wittekindshof im Marienheim aufgenommen. Die Diagnose lautete damals „Idiotie und Epilepsie". 

    Im Wittekindshof verschlechterte sich ihr Zustand weiter, sie wurde zunehmend teilnahmslos und musste wegen starker Anfälle im Herbst 1938 auf die Station für epileptische Frauen im Haus Waldfrieden (heute westlicher Teil des Gerahauses) verlegt werden. Spätestens im Herbst 1939 musste sie mechanisch fixiert werden, da sie dazu neigte, sich und ihre Umgebung zu verletzen.

  • Ermordung

    Die politischen Umstände jener Zeit verschärften das Schicksal der Familie Heilpern dramatisch. 1939 mussten Sabine Heilperns Eltern Deutschland aufgrund der jüdischen Herkunft und der zunehmenden Verfolgung durch das NS-Regime verlassen. Die Vormundschaft ihrer Tochter übernahm ein Leipziger Nervenarzt, der sich auch um die finanzielle Unterstützung kümmerte. Die Mutter versuchte, im Mai 1939 noch einmal persönlich mit dem Leiter des Wittekindshofes zu sprechen – vermutlich im Zusammenhang mit der geplanten Emigration der Familie.

    Sabine Heilpern wurde am 21. September 1940 nach Wunstorf deportiert und fand am 27. September den Tod in der Gaskammer der Tötungsanstalt in Brandenburg an der Havel. Ihre Eltern überlebten das NS-Regime im Exil – der Vater starb 1955 in Australien, die Mutter 1979 in der Schweiz.