Bad Oeynhausen/ Lübbecke (AM). „Es gibt nichts Schlimmeres als nicht verstanden zu werden. Ich weiß, wie Menschen sich fühlen, die Texte, Gespräche und Worte nicht verstehen“, erklärt Merle Naue. Die 21-jährige Mindenerin arbeitet im Büro für Leichte Sprache Wittekindshof in Bad Oeynhausen. Seit zwei Jahren ist sie ausgebildete Prüfleserin: „Kurze Sätze, keine Fremdworte und eine gut lesbare Schrift sind die wichtigsten Regeln für Leichte Sprache. Hilfreich sind Bilder und Trennstriche in langen Worten“, berichtet Naue und betont: „Leichte Sprache sieht einfach aus, ist aber oft schwer zu schreiben. Etwas kompliziert zu sagen, ist einfacher, als Worte zu finden, die alle verstehen.“
Prüfleser geben Texte frei
Merle Naue begutachtet ebenso wie die rund 35 ausgebildeten Prüfleserinnen und -leser des Wittekindshofer Büros für Leichte Sprache regelmäßig Texte auf Verständlichkeit. „Das Wichtigste ist, dass wir sagen, wenn wir etwas nicht verstehen. Manchmal sehen wir sofort, dass eine Regel missachtet wurde. Andere Texte müssen die Kolleginnen neu schreiben, damit sie unsere Freigabe und damit das europäische Siegel für Leichte Sprache bekommen“, berichtet Naue, die sich zu einer Botschafterin für Leichte Sprache entwickelt hat: „Rampen, Aufzüge und elektronische Türen schaffen für mich als Rollstuhlfahrerin Barrierefreiheit. Leichte Sprache ermöglicht Teilhabe und Inklusion und überwindet Kommunikationsbarrieren nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern auch für Menschen mit einer anderen Muttersprache und alle, die sich erstmals in komplizierte neue Zusammenhänge einarbeiten“, ist Naue überzeugt.
Merle Naue hat einen Werkstattarbeitsplatz im Büro für Leichte Sprache. Ihre vier Kolleginnen sind Erzieherin, Heilpädagogen oder haben Sozialarbeit, Gesundheitswissenschaften und Pädagogik studiert und Weiterbildungen für Unterstützte Kommunikation und Leichte Sprache absolviert. Das inklusive Team des Büros für Leichte Sprache bereitet jetzt den ersten „Inklusiven Fachtag Leichte Sprache. Verstehen heißt teilhaben!“ vor.
Fachtag in Lübbecke
Er findet am Donnerstag, 12. Oktober, von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr in der Stadthalle in Lübbecke (Bohlenstraße 29) statt. Teilnehmen können Menschen, die in Behörden oder sozialen Einrichtung oder mit Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten und alle anderen Personen, die sich für Leichte Sprache interessieren. „Da die Vorträge auch simultan in Leichte Sprache übertragen werden und einige Workshops schon in der Planung inklusiv angelegt sind, können auch Menschen mit Lernschwierigkeiten gleichberechtigt teilnehmen“, erklärt Diakonin Caroline Stephan, die Leiterin des Büros für Leichte Sprache Wittekindshof, die zusammen mit Stephanie Schuchmann vom Vorstand des bundesweiten Netzwerkes Leichte Sprache einen Vortrag zur Bedeutung von Leichter Sprache halten wird. Dr. Susanne Wagner vom Leipziger Institut für Textoptimierung wird über „Leichte Sprache – ein Schlüssel zu mehr selbstbestimmten Leben“ und der Wittekindshofer Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke über „Die verschiedenen Sprachebenen in einer Organisation“ am Beispiel des Wittekindshofes sprechen.
Besonders freut sich das Team des Büros für Leichte Sprache, dass Menschen mit und ohne Behinderung aus der Stiftung Drachensee in Kiel kommen werden: „Wir haben in Kiel die ersten Prüfleser ausgebildet. Jetzt werden wir zusammen mit den Kieler Kolleginnen und Kollegen einen Workshop anbieten. Da reden wir nicht über Prüfleser, sondern mit Prüflesern als Experten in eigener Sache über ihre Rolle bei der Texterstellung in Leichter Sprache“, kündigt Kathrin Berger an.
Am Nachmittag steht die Praxisrelevanz im Vordergrund. Geplant sind Fachvorträgen zu Bibeltexten in Leichter Sprache, den Regeln für Leichte Sprache und Rechtsfragen bei der Umsetzung von Dokumenten und Anträgen, aber zu Grenzen und Alternativen zur Leichten Sprache.
Viele Argumente, Positionen und Meinungen des Fachtages werden in der abschließenden inklusiven Podiumsdiskussion gebündelt. „Spätestens hier werden auch kritische Aspekte in den Blick kommen. Leichte Sprache wird als schlechtes Deutsch und Exklusionsförderer gebrandmarkt, die die Leser nicht ernstnimmt, während andere betonen, dass ohne Leichte Sprache Teilhabe, Selbständigkeit und Inklusion verhindert werden“, kündigt Caroline Stephan an.
Gefördert wird die Veranstaltung von Aktion Mensch. Anmeldungen sind bis 29. September möglich unter <link>weiterbildung@wittekindshof.de
Inklusiver Fachtag Leichte Sprache
- 12. Oktober 2017 – 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr
- Stadthalle Lübbecke, (Bohlenstraße 29), 32312 Lübbecke
- Hauptvorträge mit Simultanübertragung in Leichte Sprache:
- Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke (Diakonische Stiftung Wittekindshof): Die verschiedenen Sprachebene einer Organisation
- Caroline Stephan (Büro für Leichte Sprache Wittekindshof)/ Stephanie Schuchmann (Vorstand Netzwerk Leichte Sprache): Die Bedeutung von Leichter Sprache
- Dr. Susanne Wagner (Geschäftsführerin Institut für Textoptimierung, Leipzig): Leichte Sprache - ein Schlüssel zu mehr selbstbestimmten Leben
- Parallele Fachvorträge und Workshops
- Leichte Sprache und die Rolle der Prüfleser
- Leichte Sprache - Grenzen-los?
- Leichte Sprache in der praktischen Umsetzung
- Bibeltexte in Leichter Sprache
- Texte gestalten.