Wohnen & Assistenz

Mit Demenz auf großer ReiseMomente aus Kenia bleiben im Herzen: Wittekindshof unterstützt Charly Husemann aus Epe

Wenn Karl-Heinz Husemann, den alle Charly nennen, nach seiner großen Reise gefragt wird, antwortet er: „Das würde ich sofort wieder machen!“. Kürzlich hat der 70-jährige Eperaner etwas erlebt, wovon viele Menschen träumen: eine zehntägige Safari-Reise nach Kenia. 

Das Besondere daran ist, dass Charly Husemann unter anderem mit einer demenziellen Erkrankung lebt. Dass diese Reise dennoch möglich wurde, verdankt er dem Engagement seines Bezugsbetreuers Mark Kröger vom Team des ambulant unterstützten Wohnens des Wittekindshofs in Gronau.

Ausflug am 1. Mai ins Gartencenter Intratuin in den Niederlanden: Mark Kröger (links) und Charly Husemann kennen sich seit mehreren Jahren. Der Wittekindshofer Mitarbeiter hat die Kenia-Reise intensiv vorbereitet, um Charly Husemann Erinnerungen zu schaffen, die nachwirken.

Charly Husemann lebt seit Jahrzehnten in seiner eigenen Wohnung. Er hat einen kleinen, gepflegten Vorgarten. „Ich muss draußen sein, etwas Grün um mich haben“, sagt er. Er zieht Tomaten, das weiß er genau. Doch was er in der Hängeampel am Vordach eingepflanzt hat, „da komm‘ ich gerad‘ nicht drauf“, sagt er und winkt ab. Seine Wohnung ist aufgeräumt und er legt Wert auf sein Äußeres, trägt Schmuck und Schiebermütze. 

„Würde man Charly fragen, ob er Demenz hat, würde er mit ‚Nein‘ antworten. Er sagt nur, dass er manchmal etwas vergisst“, sagt Mark Kröger. Der staatlich anerkannte Erzieher und studierte Sozialarbeiter begleitet Charly Husemann schon einige Jahre, zwei weitere Kollegen sind ebenfalls regelmäßig im Einsatz. 

Begleitung im Alltag steht auf dem Programm, beispielsweise die Planung und Umsetzung des Einkaufs, Arzt- und Bankbesuche sowie Freizeitgestaltung. Ansonsten ist Charly Husemann gerne unterwegs, fährt in Begleitung mit seinem E-Bike oder geht spazieren. Auch an gemeinschaftlichen Freizeitaktivitäten des Wittekindshofs nimmt er regelmäßig teil, sei es ein Discoabend in der „Fabrik“ in Coesfeld, ein Osterausflug nach Enschede, den 1. Mai im Gartencenter Intratuin in den Niederlanden verbringen oder ein Flohmarktbesuch.

Unter dem großen Baum im Garten eines Hotels hat Charly Husemann gerne auf der Bank gesessen. Es soll der älteste Baum Afrikas sein.

Als gelernter Zweirad-Mechaniker hat er früher in den Niederlanden gearbeitet, spricht daher fließend niederländisch. Bei der Marine hat er die Welt bereist, genauso wie sein Vater. Nun hat er in Kenia neue Erlebnisse gesammelt. Auch wenn er sich an einzelne Details nicht mehr erinnern kann, sind bestimmte Momente tief in ihm verankert. Sein Gegenüber erahnt es, wenn der Eperaner sich mit Hilfe von Mark Kröger erinnert. 

Sein Gesicht wird weich, ein kurzer verträumter Blick. Unter dem großen Baum im Garten eines Hotels habe er gerne auf der Bank gesessen, „der älteste Baum Afrikas, ein Riesen Teil“, sprudelt es aus ihm heraus. Zebras und Elefanten habe er gesehen. Bei einer Fahrt mit einem Glasbodenboot die Unterwasserwelt beobachtet. 

Und mit einem Massai-Stamm habe er getanzt. „Das war toll. Das würde ich sofort wieder machen“, resümiert er wieder. 

Im Vorfeld der Reise war viel Planung gefragt: Ein Reisepass musste beantragt, Arzttermine wahrgenommen und Impfungen geklärt werden. Und für das passende Outfit gesorgt werden. Da es zur Winterzeit keine sommerliche Kleidung in den Geschäften gab, wurde online bestellt.
René Groiß (links) ist Gechäftsführer der Agentur „Fair-Reisen und mehr“, die den Kenia-Urlaub für Menschen mit Beeinträchtigung organisiert. Er hat die fünfköpfige Reisegruppe als Sozialarbeiter begleitet und viele Momente mit der Kamera festgehalten. Da gehört ein Erinnerungsfoto mit Straßen und Zebras gemeinsam mit Charly Husemann natürlich auch dazu.
Ob bei einer Fahrt mit einem Glasbodenboot, auf dem er die Unterwasserwelt beobachten konnte, beim Tanz mit einem Massai-Stamm oder einem Strandbesuch, Charly Husemann hat viel erlebt. „Das war toll. Das würde ich sofort wieder machen“, resümiert er seinen Kenia-Urlaub.

„Uns als Team war es wichtig, dass wir Charly trotz seiner Erkrankung etwas Besonderes ermöglichen und sich selbst mit seinem Ersparten etwas Gutes tut. Charly hat immer einen Spruch auf Lager, ist ein offener und kommunikativer sowie sympathischer Mensch“, sagt der Wittekindshofer Mitarbeitende Mark Kröger. „Er hat es verdient, so wie jeder Mensch, noch Erlebnisse zu sammeln. Man spürt im Gespräch mit ihm, dass er aus dieser Reise Kraft gezogen hat, auch wenn er sich nicht mehr aktiv an alles erinnern kann.“ 

Fast ein halbes Jahr dauerten die Vorbereitungen für das Abenteuer. Ein Reisepass musste beantragt, Arzttermine wahrgenommen und Impfungen geklärt werden. Da es zur Winterzeit keine sommerliche Kleidung in den Geschäften gab, wurde online bestellt. Die rechtliche Betreuung wurde eng mit eingebunden, Medikamente mussten über den Pflegedienst organisiert werden. 

Von Epe nach Kenia

Mark Kröger erstellte eine detaillierte Liste für den Koffer, damit alles wieder mit nach Hause kommt und durch eine Checkliste wusste der Reisebegleitung vor Ort, wobei Charly Husemann Unterstützung benötigt. „Die Vorbereitung war sehr zeitintensiv, so dass wir, auch mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Fachleistungsstunden, sehr flexibel gearbeitet haben. Natürlich ist das kein Alltagsgeschäft und unsere Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung sieht nicht immer so aus. Aber es ist vieles möglich, die Arbeit ist immer abwechslungsreich. Mir persönlich ist es wichtig, die Potenziale in Menschen zu erkennen und dann bringe ich mich gerne intensiv ein“, sagt Mark Kröger. 

Die Reise führte von Epe über Mönchengladbach, wo Charly Husemann die anderen vier Reisenden und zwei Betreuer*innen kennenlernte, weiter nach Frankfurt und schließlich mit einem zwölfstündigen Flug nach Kenia. Organisiert und begleitet wurde das Abenteuer von der „Fair-Reisen und Mehr GmbH“ aus Mönchengladbach, einem spezialisierten Reiseveranstalter für Menschen mit Beeinträchtigung. 

Auf die Bitte von Mark Kröger dokumentierte das Team vor Ort die Reise mit unzähligen Fotos, damit Charly Husemann bleibende Erinnerungen hat. Daraus ergibt sich das nächste Projekt von Husemann und Kröger: Gemeinsam erstellen sie aus den vielen Fotos ein Fotobuch, um die Erinnerungen an die Kenia-Reise lebendig zu halten. Erinnerungsarbeit, die bei Menschen mit Demenz besonders wertvoll ist.