Arbeit

Passgenau statt starrWittekindshof entwickelt Konzept für individualisierte Übergänge in die Arbeitswelt

Junger Mann mit Down-Syndrom arbeitet im Lager, weibliche Kollegin zeigt ihm, wie man Produkte mit einem Scanner erfasst.

Berufliche Teilhabe braucht mehr als den klassischen Weg von der Werkstatt in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie braucht individuelle Zwischenschritte, flexible Übergänge und personenzentrierte Lösungen. Die Diakonische Stiftung Wittekindshof entwickelt genau dafür ein innovatives Konzept: die „Intensiv Agile Werkstatt“. 

Die beiden Landtagsabgeordneten der Grünen, Dennis Sonne (inklusionspolitischer Sprecher) und Benjamin Rauer, waren zu Gast in den Wittekindshofer Werkstätten in Gronau, um sich über die Idee und die Herausforderungen in der Werkstattlandschaft auszutauschen. Bereits vor etwa einem halben Jahr hatten die beiden Politiker die Werkstätten in Bad Oeynhausen besucht, das Thema berufliche Teilhabe stand auch damals auf der Agenda.

Marian Zachow

Es ist überhaupt erst einmal erforderlich, Räume zwischen Werkstatt und Arbeitsmarkt zu schaffen.

Im Mittelpunkt des Gesprächs mit Geschäftsführung, Bereichsleitung und Werkstattrat stand nun die Frage, wie Übergänge zwischen verschiedenen Stufen von Arbeit und Beruf besser gestaltet werden können. „Aus unserer Sicht muss der Fokus bleiben, auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu leiten, ohne dass man den Blick verengt“, sagt Pfarrer Marian Zachow, Theologischer Vorstand der Stiftung. „Denn in vielen Konstellationen ist es überhaupt erst einmal erforderlich, Räume zwischen Werkstatt und Arbeitsmarkt – wie etwa Außenarbeitsplätze – zu schaffen. Und nicht vergessen werden darf, dass viele Menschen überhaupt nicht in der Lage sind, in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) zu arbeiten. Hier mehr Möglichkeiten zu schaffen und die Herausforderung ganzheitlich zu sehen, ist die große Aufgabe.“

Der Vorstand spricht von einer notwendigen „Phasenverschiebung“: „Wir müssen und wollen dafür sorgen, den Übergang zum jeweils nächsten Schritt Richtung berufliche Teilhabe zu erleichtern. Dabei kann mitunter der Übergang von der Tagesstrukturierenden Angeboten in die Werkstatt für Teilhabe genauso wichtig sein.“ Es zeige sich, dass sich viele Barrieren beim Schritt in die nächste Stufe von Arbeit und Beruf überwinden lassen, wenn konsequent personenzentriert gearbeitet wird. „Dabei steht nicht die Frage im Vordergrund, ob ein Mensch den Anforderungen eines Arbeitsplatzes entspricht. Vielmehr wird gemeinsam mit der Person, dem Betrieb und dem Leistungsträger erarbeitet, welche Rahmenbedingungen notwendig sind“, so Marian Zachow.

Vom Wohnen lernen

Damit das gelingt, arbeitet der Wittekindshof an Konzeptionen im Sinne einer „Intensiv Agilen Werkstatt“. Der Grundgedanke ist dabei im weitesten Sinne, den Erfolgsweg des Intensiv Ambulanten Wohnens (IAW) auf den Bereich Arbeit und Werkstatt zu übertragen. Wie das IAW mit seinen differenzierten und individuellen Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten passgenau auf persönliche Bedarfe abhebt und gleichsam als Brücke zwischen besonderen Wohnformen und ambulanten Wohnformen fungiert, müssen ähnlich individuell geregelte Übergangsmöglichkeiten auch im Bereich Arbeitswelt und Beruf geschaffen werden. 

„Gerade auch hinsichtlich der Flexibilität der Gestaltung kann das IAW dabei tatsächlich ein Vorbild für die Werkstattlandschaft sein“, erklärt der Vorstand. Es brauche aber auch die Bereitschaft Ressourcen seitens des Kostenträgers bereitzustellen.

Ohne Finanzierung nur Theorie

Der Austausch mit den beiden Landtagsabgeordneten Dennis Sonne und Benjamin Rauer war für den Wittekindshof ein wichtiger Schritt, um die Idee der „Intensiv Agilen Werkstatt“ auch auf politischer Ebene zu diskutieren und für die notwendigen Rahmenbedingungen zu werben. Denn klar ist: Ohne die entsprechende Finanzierung und ohne die Bereitschaft der Kostenträger, neue Wege mitzugehen, bleibt das Konzept Theorie. 

Der Wittekindshof setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Beeinträchtigung nicht in starre Systeme gepresst werden, sondern dass die Systeme sich an den individuellen Bedürfnissen der Menschen orientieren.