Herford / Kreis Herford (AM). Vor rund einem Jahr sind 24 Frauen und Männer in das neue Wohnhaus der Diakonischen Stiftung Wittekindshof an der Clarenstraße in der Herforder Innenstadt eingezogen. „Da früher viel zu viele Menschen in geschlossenen Wohnheimen gelebt haben, gab es lange Zeit Bedenken gegen das Haus für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Jetzt haben wir über 40 Personen auf der Warteliste“, berichtet Maik Brands, der das Wohnhaus und die <link internal-link>Tagesstrukturierenden Angebote (TSA) leitet, an denen auch Frauen und Männer aus dem Kreis Herford teilnehmen, die aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung zurzeit noch keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen können. Für viele ist das der erste Schritt, um das Wohnumfeld regelmäßig zu verlassen und andere Menschen zu treffen. Zu den Teilnehmern gehören Rentner, aber auch junge Menschen, die sich in der TSA auf das Berufsleben vorbereiten und den allgemeinen Arbeitsmarkt als Ziel vor Augen haben.
Berufliche und persönliche Entwicklung
Genau diesen Schritt geschafft hat Sandra Brock. Sie hatte viele Jahre einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, hat dann über ein Praktikum einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz bekommen und konnte vor kurzem einen Arbeitsvertrag für den ersten Arbeitsmarkt unterschreiben: „Den ersten Erfolg habe ich schon. Der zweite ist Ambulant Unterstütztes Wohnen. Das wäre das allererste Mal, dass ich in eine eigene Wohnung umziehe. Ich bin hier in der Clarenstraße, um mich zu stabilisieren und selbständig zu werden. Die Betreuung unterstützt mich meine Ziele zu erreichen. Es ist immer einer da, wenn man jemanden braucht“, erklärt die 37-Jährige und ergänzt: „Wir machen hier auch coole Sachen mit den Mitarbeitenden. Die nehmen sich Zeit und wir gehen zum Höckerfest, fahren zur Disko oder grillen gemeinsam.“
Teilhabe und Freiheit ermöglichen
Diese Freizeitangebote sind nicht für alle so attraktiv wie für Sandra Brock. „Einige Bewohner schaffen es an guten Tagen, mit zum Einkaufen zu kommen und ihren Tabak selbst zu kaufen. An anderen Tagen ist schon das Aufstehen und das Verlassen des Zimmers eine große Herausforderung“, berichtet Maik Brands, der seit mehr als acht Jahren als Sozialpädagoge mit Zusatzqualifikationen mit Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen arbeitet. Konzeptionell ist es ihm wichtig, dass im Haus der Teilhabegedanke gelebt wird: „Wir schließen niemanden nur weg, sondern wollen allen Teilhabe und Freiheit ermöglichen, jeweils angepasst an die aktuell verfügbaren Kompetenzen und Möglichkeiten“, betont Brands und weiß, dass er damit von seinen Mitarbeitenden viel Geduld verlangt: „Unser Grundsatz ist: möglichst viel mit den Bewohnern zusammen zu machen, auch wenn das Wäschewaschen dann zwei Tage dauert und der Mitarbeiter alleine viel schneller wäre“, erklärt Brands, der schon bei den Bauplanung darauf großen Wert gelegt hat, dass in den beiden miteinander verbundenen Häusern verschiedenen Wohnbereich entstehen, die Entwicklungen vom geschützten Bereich bis zum Appartementwohnen als Vorstufe der eigenen Wohnung ermöglichen.
Weniger psychische Krisen
Insgesamt zieht Brands eine positive Jahresbilanz: „Wir mussten ein ganz neues Team mit über 30 Mitarbeitenden in Voll- und Teilzeit aufbauen, weil wir rund um die Uhr, nachts mit zwei und tagsüber mindestens mit fünf Personen, im Dienst sind. Auch von den Bewohnern und Teilnehmern der TSA kannten wir nur die wenigsten“, berichtet Brands, der zusammen mit den Menschen in der Clarenstraße Hausordnungen, Grundsätze und Standards entwickelt hat, die im Alltag für Klarheit sorgen und ein Beitrag sein sollen, um Konflikte zu vermeiden. „Psychische Krisen können trotzdem nicht ganz ausgeschlossen werden. So wird es weiterhin akute Krankheitsphasen geben, in denen ein Mensch in die Psychiatrie muss. Man darf aber nie vergessen, dass es für einige Menschen schon ein Riesenerfolg ist, wenn sie nicht mehr monatlich, sondern nur noch zweimal im Jahr in die Klinik müssen“, betont Brands.
Sommerfest zum Brücken bauen
Im Umgang mit Menschen mit psychischer Beeinträchtigung gibt es viele Unsicherheiten und unsichtbare Mauern“, ist Brands überzeugt. Um Berührungsängste abzubauen sind zum Sommerfest am Wohnhaus und der Tagesstruktur in der Clarenstraße 7-9, am kommenden Samstag, 7. Juli, von 12 bis 17 Uhr Nachbarn und alle andere interessierten Bürgerinnen und Bürger eingeladen. Vorbereitet werden Mitmachangebote für Kinder, alkoholfreie Cocktails und Bratwurst für kleines Geld. An Kreativständen werden Rücksäcke, Marmeladen und Gartendeko verkauft, die die TSA-Teilnehmer gebastelt, genäht und gekocht haben.