Wittekindshof

Selbstbestimmung statt Einschränkung38 Fachkräfte für Gewaltprävention stärken Teilhabe in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof

„Freiheitsentziehende Maßnahmen sind immer das letzte Mittel“, weiß Marcel Schmale. Er ist eine von 38 Fachkräften für Gewaltprävention in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof. 

Sie kommen ins Spiel, wenn alle pädagogischen Mittel ausgeschöpft sind und eine freiheitsentziehende Maßnahme notwendig werden könnte. Dazu gehören beispielsweise ein Bettgitter für die Nacht, eine Fixierung in autoaggressiven Situationen oder der Verschluss einer Tür. „Bevor aber überhaupt ein Antrag auf einen richterlichen Beschluss gestellt wird, prüfen wir Fachkräfte mit den Mitarbeitenden vor Ort, welche Alternativen möglich sind“, sagt der 39-jährige Sonderpädagoge.

Marcel Schmale

Ich bin in diesen Situationen nicht dazu da, um zu belehren, sondern um in den Gedankenaustausch zu kommen.

Kürzlich hat Marcel Schmale beispielsweise ein Team beraten, das ihn um Rat gebeten hat. Eine junge Frau, die von den Kolleginnen und Kollegen begleitet wird, nutzt für den Schulweg aufgrund ihrer Beeinträchtigung einen Rollstuhl. 

Für ihre Sicherung braucht sie einen Bauchgurt, für den ein richterlicher Beschluss vorlag. Denn auch das ist eine freiheitsentziehende Maßnahme. Diese ist heute aber nicht mehr notwendig, da die junge Frau Kompetenzen aufgebaut hat und den Gurt nun selbstständig öffnet und schließt.

Manchmal helfen kleine Veränderungen

Solche Beratungen gehören zum Alltag der Fachkräfte für Gewaltprävention. Dabei schauen sie mit den Beteiligten auf die Situation: Was passiert konkret? Was führt dazu, dass eine Einschränkung notwendig erscheint? Lässt sich etwas an den Abläufen oder an der Umgebung verändern? Können Klientinnen und Klienten bestimmte Fähigkeiten entwickeln und dadurch selbstständiger handeln? 

„Ich bin in diesen Situationen nicht dazu da, um zu belehren, sondern um in den Gedankenaustausch mit den Kolleginnen und Kollegen zu kommen“, betont Marcel Schmale. Die Lösungen können ganz unterschiedlich aussehen. 

In einem Fall ging es um eine Person, die häufig wegläuft und sich dabei in Gefahr bringt. Statt die Tür des Wohnangebotes zu verschließen, wurde gemeinsam mit der rechtlichen Betreuung eine andere Lösung vereinbart. Die Person trägt einen Tracker. Die Tür bleibt offen und sie kann das Haus jederzeit verlassen. Wenn sie das Haus verlässt, werden die Mitarbeitenden informiert und können sie auffinden. 

Blick von Außen

Seit 2020 bildet die Diakonische Stiftung Wittekindshof Fachkräfte für Gewaltprävention aus und hat sie in allen Geschäftsbereichen und Regionen etabliert. Sie sind Teil eines umfangreichen Gewaltschutzkonzeptes und beraten nicht in den Bereichen, in denen sie selbst tätig sind, sondern geschäftsbereichsübergreifend. Dadurch bringen sie einen Blick von außen in die jeweilige Situation ein. 

„Neben der Beratung bei freiheitsentziehenden Maßnahmen ist es auch unsere Aufgabe, Risikoanalysen durchzuführen“, erklärt Marcel Schmale. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden wird geschaut, wo im Alltag Risiken für den Gewaltschutz bestehen und was verändert werden kann. Dabei werden unter anderem die räumliche Situation und Ausstattung, Personalschlüssel und Qualifikation der Mitarbeitenden, Abläufe, die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche sowie das Ideen- und Beschwerdemanagement betrachtet. Auch die Einarbeitung und Schulung von Mitarbeitenden, Fallberatung, individuelle Teilhabeplanung und Krisenprävention spielen eine Rolle. Aus der Risikoanalyse entstehen konkrete Empfehlungen und ein Maßnahmenplan. 

Marco Mohrmann, kaufmännischer Vorstand

Die Fachkräfte stärken Selbstbestimmung und Teilhabe der Klientinnen und Klienten im Alltag.

Verpflichtende Schulungen

Gemeinsam Lösungen finden: Fachkraft für Gewaltprävention Marcel Schmale berät eine Kollegin zu Möglichkeiten der Gewaltprävention und Vermeidung freiheitsentziehender Maßnahmen. Die Fachkräfte arbeiten im Wittekindshof geschäftsbereichsübergreifend und bringen einen neutralen Blick von außen in die Teams.

Auch Schulungen gehören zu den Aufgaben der Fachkräfte. In jedem Team, das Menschen mit Unterstützungsbedarf begleitet, findet jährlich eine verpflichtende Unterweisung zu Gewaltprävention und freiheitsentziehenden Maßnahmen statt. „Mir persönlich ist es in den Schulungen wichtig, neben dem Thema der freiheitsentziehenden Maßnahmen auch über Eingriffe in Persönlichkeitsrechte zu sprechen und zu sensibilisieren“, führt Marcel Schmale aus. Er und seine Kolleginnen und Kollegen sind aber auch nach Krisen für Mitarbeitende ansprechbar. „Entweder haben wir einfach ein offenes Ohr oder analysieren gemeinsam, wie es zu dieser Situation gekommen ist, was Auslöser waren oder beim nächsten Mal anders gemacht werden kann. Das ist ganz unterschiedlich.“

Für diese Aufgaben sind die Fachkräfte besonders qualifiziert. Sie verfügen unter anderem über eine Ausbildung als Verfahrenspflegerin oder -pfleger nach dem Werdenfelser Weg sowie als ProDeMa-Trainerin oder -Trainer. ProDeMa steht für Professionelles Deeskalationsmanagement und ist ein evaluiertes Konzept zum professionellen Umgang mit Gewalt und Aggression. Der Werdenfelser Weg sieht eine intensive Prüfung von Alternativen vor, bevor freiheitsentziehende Maßnahmen eingesetzt werden. 

Die Fachkräfte für Gewaltprävention sind nicht gesetzlich vorgeschrieben und werden nicht refinanziert. Die Stiftung hat sich dennoch bewusst für diese Investition entschieden. „Die Fachkräfte stärken Selbstbestimmung und Teilhabe der Klientinnen und Klienten im Alltag“, betont Marco Mohrmann, kaufmännischer Vorstand des Wittekindshofs. „Die Kolleginnen und Kollegen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Gewaltschutzkonzeptes. Prävention bedeutet für uns, die Würde und Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen zu schützen. Die Fachkräfte leisten einen unverzichtbaren Beitrag dazu.“