Selbstbewusstsein in der Manege tanken

Bad Oeynhausen (JP). Kurban atmet noch einmal tief ein und konzentriert sich. Dann legt er sich langsam mit freiem Oberkörper auf einen Haufen Scherben, der in der Mitte der Manege liegt. Lehrer Volker Pferner hält das Mikrofon neben ihn, um das Publikum am Knacken des Glases teilhaben zu lassen. Die Zuschauer applaudieren. Zauberer, Feuerschlucker, Artisten, Clowns und Fakire haben zusammen mit Familie Kaselowsky vom Projekt-Circus Casselly Eltern, Angehörigen und Freunden eine tolle Show geboten.

Galavorstellung für 450 Gäste

Das große Zirkuszelt der Kaselowskys drohte, bei der großen Galavorstellung fast zu platzen. "Das Zelt ist für 450 Zuschauer ausgelegt und auf die kommen wir heute auch. Rücken Sie noch etwas zusammen", bat Schulleiter Andreas Becker-Brandt die Gäste, die draußen bereits von Clowns und Cheerleadern mit Waffeln und Popcorn begrüßt wurden, wenige Minuten vor Showbeginn. Währenddessen war die Aufregung bei den Schülerinnen und Schülern zu spüren. Und dann: Vorhang auf. Showtime!

Inklusion im Zirkuszelt

Eine Woche lang hatten die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Behinderung gemeinsam mit der Familie Kaselowsky, die seit sieben Generationen Zirkus im Blut hat, für die große Aufführung des "Zirkus‘ Wunderbar" geprobt und die Schulbank gegen das bunte Zirkuszelt eingetauscht. Zwei Stunden Programm boten die kleinen und großen Zirkusleute dem Publikum. Dabei wurden auch sehr schwer und mehrfachbehinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ganz selbstverständlich eingebunden, viele wuchsen im Rampenlicht über sich hinaus.

Die Show begann mit einer Gruppe junger Artisten, die Menschenpyramiden und Handstand-Ketten bildeten. Danach stürmte eine Schar Clowns die Manege und unterbrach die „feine Galavorstellung“, wie Gordon Kaselowsky immer wieder monierte. Er wollte die Spaßmacher der Bühne verweisen, scheiterte aber mehrfach an der heiteren Meute. Es folgten die Tierdompteure, die Hunde durch Reifen springen ließen, Magier, die einen Kollegen in einer Box gespickt mit Schwertern verschwinden ließen und die lustige Hausmeistertruppe, die Lehrer Volker Pferner auf die Schippe nahm. Mit einem speziellen Gerät hörten sie seine Gedanken ab: „Herr Pferner denkt nur an die nächste Pause“, stellte Benjamin vergnügt fest.

Förderer ermöglichen Lernort Zirkus 

Alle Akteure hatten ihren persönlichen großen Auftritt, arbeiteten Hand in Hand und erlebten eine besondere Gruppendynamik, die die Zuschauer spüren ließ, wie viel Freude allen diese besondere Projektwoche, die durch eine Spende in Höhe von 5.500 Euro der Stiftung Sparda Bank Hannover  und den Förderverein der Schule Wittekindshof möglich gemacht wurde, bereitet hat.

Die Projektwoche und besonders der Tag der großen Galavorstellung wird den Schülerinnen und Schülern noch lange in Erinnerung bleiben. Nach ihren Darbietungen badeten sie im Applaus der Zuschauer. Eine tolle Wertschätzung ihrer Leistung und eine Stärkung des Selbstbewusstseins. Voller Adrenalin feierten sich die Schülerinnen und Schüler beim großen Finale am Ende der Show. Klatschend und jubelnd stürmten sie in die Manege und feuerten das Publikum an, noch mehr Beifall zu bekunden. Tosender Applaus brach aus, als Andreas Becker-Brandt sich stellvertretend für alle Beteiligten bei Familie Kaselowsky bedankte: "Sie haben nicht nur Zirkus im Blut, sondern auch Pädagogik!"