Verbleib des Sohnes bleibt unklarIn Gedenken an Felix Kanner

Der Wittekindshof erinnert am 27. Januar an sechs jüdische Bewohner*innen, die 1940 im Zuge des „Euthanasie"-Programms der Nazis ermordet wurden. Einer von ihnen war Felix Kannerr.

Anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stellt die Stiftung die Biografien dieser sechs Menschen vor. Sie sind anhand von Patientenakten und Krankenblättern aus dem Archiv des Wittekindshofes sowie durch Recherchen, insbesondere in der Datenbank der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, rekonstruiert worden. Ziel ist es, die Menschen hinter den Akten sichtbar zu machen – ihre Persönlichkeit, ihre Beziehungen, ihre Hoffnungen und ihre Würde – und so ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

  • Geburt

    Felix Kanner wurde am 20. Dezember 1915 in Berlin als Sohn des Diplom-Ingenieurs Max Kanner und der Journalistin Herta Kanner geboren. Die Familie war jüdisch und staatenlos. 

    Schon früh zeigte sich bei Felix Kanner eine schwere geistige Beeinträchtigung, die damals als „angeborener Schwachsinn höheren Grades" bezeichnet wurde. Im Krankenblatt wurde er als sehr tiefstehend, ohne Sprache, nachts unsauber, sehr erregt, mit häufigem Schreien und Schlagen von Mitpatienten beschrieben.

  • Zeit im Wittekindshof

    Wegen seiner starken motorischen Unruhe brachten ihn die Eltern am 25. Juni 1925 in die Anstalt Langenhagen bei Hannover. Nach der Auflösung dieser Einrichtung im Jahr 1938 wurde Felix Kanner am 14. März 1938  in den Wittekindshof verlegt und im Haus Friedenshöhe untergebracht. Die Kosten für seine Unterbringung übernahm sein Vater, der in Berlin-Charlottenburg lebte.

    Eine erste Beurteilung im Wittekindshof nach zehn Tagen beschrieb Felix Kanner als meist freundlich und zugänglich, allerdings müsse er wegen seiner Neigung zu Erregungszuständen vorsichtig behandelt werden. Im Februar 1939 wurde er als ruhig im Verhalten, leicht lenksam und als starker Bettnässer geschildert. Er war arbeitstherapeutisch in der Wagenkolonne beschäftigt.

    Im Jahr 1939 emigrierte seine Mutter Herta Kanner nach Paris. Von dort aus erkundigte sie sich im Juli 1939 nach dem Wohlergehen ihres Sohnes und fragte, ob die Pflegekosten weiterhin bezahlt würden, da Max Kanner inzwischen in Brasilien lebte. Bis Juni 1939 zahlte der Vater, anschließend übernahmen für zwei Monate die Jüdische Wohlfahrtspflege in Westfalen, dann die Provinzialbehörde Westfalens und schließlich die Jüdische Wohlfahrts- und Jugendpflegestelle Berlin die Kosten.

    Ende Oktober 1939 wurde Felix Kanner wegen starker Durchfälle in die Abteilung Sachsenkreuz verlegt, blieb dort bis zum 12. Januar 1940 und kehrte dann aus Platzgründen wieder in die Friedenshöhe zurück. Im Juli 1940 wurde erstmals ein schwerer epileptischer Anfall bei ihm beobachtet.

  • Ermordung

    Am 21. September 1940 wurde Felix Kanner zusammen mit fünf weiteren jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern des Wittekindshofes auf Veranlassung des Reichsinnenministeriums in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf bei Hannover gebracht. Von dort wurde er am 27. September 1940 nach Brandenburg an der Havel deportiert. In der Tötungsanstalt im alten Zuchthaus wurde er noch am selben Tag ermordet.

    Im Februar 1941 erkundigte sich seine Mutter über die Israelitische Flüchtlingshilfe in Basel nach dem Verbleib ihres Sohnes. Der Wittekindshof konnte ihr nur mitteilen, dass dieser am 21. September 1940 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf verlegt worden sei, um von dort aus mit einem Sammeltransport in eine jüdische geschlossene Anstalt gebracht zu werden.

    Herta Kanner wurde später von Paris aus nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich 1942 ermordet wurde.