Wittekindshof

„Wie Technologie Selbstbestimmung stärkt"Jahresempfang 2026: Podiumsdiskussion mit Expertinnen und Experten

Die Podiumsdiskussion zum Thema „Wie Technologie Selbstbestimmung stärkt" bildete einen der zentralen Programmpunkte des Wittekindshofer Jahresempfangs 2026. Unter der Moderation von Marian Zachow, Theologischer Vorstand der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, diskutierten vier Expertinnen und Experten die Chancen und Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz und digitalen Assistenzsystemen für Menschen mit Beeinträchtigung. 

Das Gespräch beleuchtete sowohl konkrete Praxisbeispiele aus den Werkstätten als auch grundlegende ethische und theologische Perspektiven zur Beziehung zwischen Mensch und Technik.

Auf dem Podium saßen Prof. Dr. Kathrin Römisch, stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrates und Professorin an der Evangelischen Hochschule Bochum, Dr. Olaf Reinmuth, neuer Vorsitzender des Stiftungsrates und Superintendent, sowie Andreas Nettingsmeier, Werkstattleiter der Wittekindshofer Werkstätten in Ostwestfalen und ab dem 15. März 2026 neuer Vorstandsstab für Innovation und Angebotsentwicklung (VIA) mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz. Als externe Expertin war Anja Große-Cossmann eingeladen, Leitung Berufliche Bildung beim Wertkreis Gütersloh, die mit einem Impulsvideo und konkreten Praxisbeispielen den Einstieg in die Diskussion gestaltete.

Von der Skepsis zur Begeisterung

Als der Wertkreis Gütersloh 2017 die ersten digitalen Assistenzsysteme einführte, war die Reaktion im Team eindeutig: „Jetzt werden wir alle wegrationalisiert“, erinnerte sich Anja Große-Cossmann an die anfänglichen Befürchtungen. Heute, knapp zehn Jahre später, hat sich das Bild gewandelt. Die Mitarbeitende hätten aber erkannt, welchen Mehrwert die Technologie bieten kann.

Eyetracking-Systeme etwa ermöglichen es Menschen mit komplexen körperlichen Beeinträchtigungen, Arbeitsprozesse allein mit ihren Augenbewegungen zu steuern. Auch digitale Arbeitssicherheitsunterweisungen eröffneten neue Möglichkeiten. Gerade für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sei es oft schwierig, wenn ständig jemand hinter ihnen stehe, erklärte Große-Cossmann. Die digitalen Systeme ermöglichen selbstständiges Lernen im eigenen Tempo.

Der Jobcoach in der Tasche

Besonders spannend werde es beim Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Der Wertkreis Gütersloh gehe dabei einen innovativen Weg: Noch in der Werkstatt werden künftige Arbeitsaufträge mit Hilfe von Assistenzsystemen eingeübt. Wechselt jemand dann in eine reguläre Beschäftigung, nimmt er das System auf einem Tablet mit. „Der Mensch mit Unterstützungsbedarf hat dann den Jobcoach direkt in der Tasche“, beschrieb Große-Cossmann das Prinzip.

Kommt es am neuen Arbeitsplatz zu Unsicherheiten, könne eine integrierte Videoanruf-Funktion helfen. Per Knopfdruck lasse sich die vertraute Betreuungsperson erreichen. Das schaffe Sicherheit auf allen Seiten: bei den Beschäftigten selbst, bei den Betreuenden und auch bei den Unternehmen.

KI für die Bildungsplanung

Beim Wittekindshof selbst steht ein eigenes KI-Projekt kurz vor der Testphase. Gemeinsam mit dem Fachbereich Wirtschaftsinformatik der Hochschule Bielefeld entwickeln die Wittekindshofer Werkstätten einen Chatbot, der bei der Bildungsplanung unterstützen soll. Das System soll die Wünsche und Erwartungen der Teilnehmenden im Berufsbildungsbereich mit ihren Fähigkeiten abgleichen und passende Vorschläge aus dem Bildungsrahmenplan machen. In etwa drei Monaten soll die Testphase starten, kündigte Andreas Nettingsmeier an.

Ein weiteres Beispiel aus der Werkstattpraxis zeigt, wie Technik Teilhabe ermöglicht: „Seit zwei Jahren haben wir in der Werkstatt einen Roboter, der einen Menschen mit einer Tetraspastik befähigt, einen Produktionsprozess durchzuführen. Diese Person wäre sonst nicht in der Lage, wirklich aktiv am Produktionsprozess teilzunehmen“, berichtete Nettingsmeier.

Potenzial für selbstbestimmtes Wohnen

Prof. Dr. Kathrin Römisch weitete den Blick über die Arbeitswelt hinaus. Assistive Technologien könnten Menschen ermöglichen, selbstbestimmter in der eigenen Wohnung zu leben, erklärte die Wissenschaftlerin. Erinnerungsfunktionen, Sprachsteuerung für Licht und Heizung oder smarte Haushaltsgeräte: All das könne dazu beitragen, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf in der eigenen Häuslichkeit zurechtkommen. „Da ist ein hohes Potenzial", so Römisch.

Doch die Professorin warnte auch vor Risiken. Dieselbe Technik, die Selbstständigkeit fördere, könne auch zur Überwachung missbraucht werden. Ein Tracker, der Menschen mit Epilepsie im Notfall hilft, kann ebenso dazu dienen, ihren Aufenthaltsort zu kontrollieren. Sensoren, die Stürze erkennen, erfassen auch, wann jemand das Haus verlässt. 

Der Schlüssel liegt für Römisch in der informierten Einwilligung: „Dass die Leute informiert einwilligen müssen, das finde ich einen absolut zentralen Aspekt.“ Menschen müssten wissen, welche Daten erfasst werden und wer darauf zugreifen kann. Nur dann könnten sie selbstbestimmt entscheiden, ob sie eine Technologie nutzen möchten oder nicht.

Die Unersetzbarkeit des Menschlichen

Dr. Olaf Reinmuth lenkte die Diskussion auf eine grundsätzliche Ebene. Aus theologischer Sicht sei die persönliche Begegnung von Angesicht zu Angesicht durch nichts zu ersetzen, betonte der Stiftungsratsvorsitzende. „Ich werde ein Mensch, indem ich angeguckt werde“, fasste er die dialogische Tradition zusammen, die auch den Wittekindshof seit seiner Gründung prägt.

Reinmuth sieht die Gefahr, dass Effizienzdenken die menschliche Begegnung verdrängt. Wenn Technik funktioniere, werde sie genutzt und breite sich immer weiter aus, zitierte er den Soziologen Armin Nassehi. Deshalb brauche es bewusste Entscheidungen, dem „stupiden, langsamen, fehlerfreundlichen Menschlichen“ genügend Raum zu lassen.

Blick in die Zukunft

Wie könnte die Welt 2050 aussehen? Reinmuth hofft, dass Künstliche Intelligenz bis dahin vor allem lästige Aufgaben übernimmt: Dokumentation, Routineprozesse, Verwaltung. „Und man kann sich auf sinnerfüllende Dinge konzentrieren.“ Gleichzeitig stellte er die Frage, ob ein Leben ganz ohne Widerstände noch ein erfülltes Leben sei.

Marian Zachow brachte die verschiedenen Perspektiven am Ende zusammen: „Eine Zukunft, in der noch Raum bleibt für die Fehlerhaftigkeit der Menschen und in der man mehr Zeit für sinnerfüllende und sinnstiftende Tätigkeiten hat. Das wäre eine schöne Vision.“