Wie der dieser Transformationsprozess mit den Vorwürfen der Freiheitsberaubung und Körperverletzung, die zu den seit 2019 laufenden strafrechtlichen Ermittlungen geführt haben, zusammenhängt, wird ebenfalls beleuchtet.
Die Vorwürfe richten sich gegen vier Mitarbeitende, die nicht mehr für die Stiftung tätig sind. Daher wird auch eine Frage der Aufarbeitung sein, ob und inwieweit Verspätungen bei der Modernisierung dazu beigetragen haben, dass in einzelnen Bereichen Haltungen und Verhaltensweisen überlebt haben, die nicht mehr in die Zeit passten.
„Uns ist bewusst, dass wir uns in eine schwierige Situation begeben“, sagt Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl anlässlich des Kick-offs zur Studie in Berlin. „Wir wollen keine Schuld einzelner Personen herausarbeiten, sondern Strukturen verstehen, die Subkulturen der Gewalt ermöglichen können.“ Diese Frage soll jedoch nicht alleiniger Schwerpunkt, sondern ein Aspekt einer größer angelegten Betrachtung sein.
Perspektiven von Menschen mit Beeinträchtigung einbeziehen
„Menschen mit geistiger Beeinträchtigung haben nach wie vor gesamtgesellschaftlich eine vergleichsweise kleine Lobby“, betont Marian Zachow, theologischer Vorstand. „Und gerade Menschen mit herausforderndem Verhalten drohen zur Randgruppe der Randgruppe der Randgruppen zu werden. Diese werden auch noch im 21. Jahrhundert ausgegrenzt. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir ihre Perspektiven in diesem Forschungsprojekt zur Sprache bringen.“
Kritische Aufarbeitung hat Tradition
Die Diakonische Stiftung Wittekindshof hat sich bereits in der Vergangenheit ihrer Geschichte gestellt. Die 1950er und 1960er Jahre wurden wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Studien „Als wären wir zur Strafe hier“ und „Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört“, ebenfalls von Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl mitverfasst, dokumentierten Gewalt gegen Menschen mit Beeinträchtigung und führten zu Entschädigungszahlungen für 530 ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner.
Nun setzt der Wittekindshof diese Tradition der kritischen Selbstreflexion fort, mit dem Blick auf eine Zeit, die noch näher an der Gegenwart liegt und deren Akteurinnen und Akteure teilweise noch im Dienst der Stiftung stehen.
Rückblick soll Veränderung ermöglichen
Marian Zachow betont weiter: „Wir stellen uns unserer Geschichte offen und kritisch. Verantwortung zu übernehmen, bedeutet für uns, auch schwierige Themen wie Gewalt gegen Menschen mit Beeinträchtigung bewusst anzusprechen. Die Aufarbeitung verstehen wir daher als Chance zur Weiterentwicklung. Der Blick zurück dient nicht dem Stillstand, sondern der Veränderung.“
Auch der Stiftungsrat begrüßt als oberstes Aufsichtsgremium der Stiftung dieses Vorhaben. Stiftungsratsvorsitzende, Pfarrer Dr. Olaf Reinmuth: „Wo es zu Fehlern gekommen ist, Menschen nicht in der angemessenen Weise behandelt worden sind, braucht es Veränderungen. Entwicklung geht nur durch solche Kritik. Die Arbeit der Stiftung insgesamt wird damit nicht herabgewürdigt, im Gegenteil.“