Blick zurück

Wittekindshof stellt sich selbstkritisch jüngster VergangenheitDiakonische Stiftung beauftragt unabhängiges Forschungsteam mit Aufarbeitung der letzten 30 Jahre

Unter dem Arbeitstitel „Der Wittekindshof im Umbruch“ lässt die Diakonische Stiftung ihre jüngste Historie wissenschaftlich untersuchen. Mit der Forschungsarbeit wurden unabhängige Experten und Expertinnen aus Diakoniewissenschaft, Disability Studies und Disability History, Medizin- und Sozialgeschichte sowie Erziehungswissenschaften beauftragt. 

„Wir stellen uns selbstkritisch unserer jüngsten Vergangenheit. Die unabhängige Aufarbeitung soll dazu dienen, Bewusstsein, Unternehmens- und Fehlerkulturen weiterzuentwickeln und Erkenntnisse in das tägliche Handeln zu übertragen, gerade dort, wo es um Fragen von Haltung und Identität geht.“ In Berlin haben die Beteiligten in den Räumen der Diakonie Deutschland das Projekt jetzt auf den Weg gebracht. Es soll möglichst bis 2030 mit einer Veröffentlichung abgeschlossen werden.

Dezentralisierung und Gewaltprävention im Fokus

Die vergangenen 30 Jahre standen in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof unter dem Vorzeichen vieler struktureller Veränderungen. Die Studie beschäftigt sich damit, wie sich von 1995 bis 2025 im Zuge der Dezentralisierung der Wohn- und Assistenzangebote alte Anstaltsstrukturen aufgelöst haben, ob Veränderungen an unterschiedlichen Standorten gleichermaßen wirksam wurden und welche Faktoren Gewalt an Menschen mit Beeinträchtigung begünstigt haben. 

Forschungsteam verbindet mehrere Fachperspektiven

Kick-Off in den Räumen der Diakonie Deutschland in Berlin (von links): Pfarrer Marian Zachow, theologischer Vorstand Wittekindshof, Diakon Reiner Breder, Personalleitung Wittekindshof, Prof. a.D. Dr. Petra Fuchs, Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Dr. Karsten Wilke und Historikerin Bettina Westfeld unterzeichnen die Vereinbarung zum Forschungsprojekt mit dem Arbeitstitel „Der Wittekindshof im Umbruch“. Es fehlt der Mitforschende Mirco Figge.

Das Forschungsteam wurde vom renommierten Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl aus Bielefeld zusammengestellt, er übernimmt die Projektkoordination und bringt die historische sowie diakoniewissenschaftliche Perspektive ein. 

Die Historikerin Bettina Westfeld aus Dresden und der Historiker Dr. Karsten Wilke aus Bielefeld werden Interviews mit Mitarbeitenden sowie Klientinnen und Klienten führen und Archive durchforsten. Die Berliner Medizinhistorikerin und Professorin a.D. für Heilpädagogik und Inclusion Studies, Prof. a.D. Dr. Petra Fuchs, vertritt die Perspektive der Disability History. Mirco Figge aus Hamburg steuert die erziehungswissenschaftliche Perspektive sowie Expertise aus der Gewaltprävention bei.

Vom Komplexstandort zu wohnortnahen Angeboten

Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie der Transformationsprozess des Wittekindshofs von einer Komplexeinrichtung an wenigen Standorten hin zu dezentralen wohnortnahen Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigung in ganz Nordrhein-Westfalen ablief: 

Warum startete der Entwicklungsprozess zum Abbau von Sonderwelten erst in den 1990er Jahren? Welche Strukturen, Haltungen und Konzepte standen einem grundlegenden Wandel zuvor im Weg? Wie konnte die Dezentralisierung dann in einem so schnellen Tempo gelingen, und welche Faktoren haben sie ermöglicht und vorangetrieben? 

Zugleich soll untersucht werden, ob es zu einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ kam: Entstanden in einzelnen Bereichen unterschiedliche Subkulturen mit je eigenen Haltungen und Praktiken, während die strategische Ausrichtung bereits eine andere war? Wie wirkte sich der Transformationsprozess konkret auf die Lebenssituation der Klientinnen und Klienten aus?

Marian Zachow, theologischer Vorstand

Menschen mit geistiger Beeinträchtigung haben nach wie vor eine vergleichsweise kleine Lobby. Und gerade Menschen mit herausforderndem Verhalten drohen zur Randgruppe der Randgruppe der Randgruppen zu werden. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir ihre Perspektiven in diesem Forschungsprojekt zur Sprache bringen.

Zusammenhang mit strafrechtlichen Ermittlungen wird untersucht

Wie der dieser Transformationsprozess mit den Vorwürfen der Freiheitsberaubung und Körperverletzung, die zu den seit 2019 laufenden strafrechtlichen Ermittlungen geführt haben, zusammenhängt, wird ebenfalls beleuchtet. 

Die Vorwürfe richten sich gegen vier Mitarbeitende, die nicht mehr für die Stiftung tätig sind. Daher wird auch eine Frage der Aufarbeitung sein, ob und inwieweit Verspätungen bei der Modernisierung dazu beigetragen haben, dass in einzelnen Bereichen Haltungen und Verhaltensweisen überlebt haben, die nicht mehr in die Zeit passten. 

„Uns ist bewusst, dass wir uns in eine schwierige Situation begeben“, sagt Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl anlässlich des Kick-offs zur Studie in Berlin. „Wir wollen keine Schuld einzelner Personen herausarbeiten, sondern Strukturen verstehen, die Subkulturen der Gewalt ermöglichen können.“ Diese Frage soll jedoch nicht alleiniger Schwerpunkt, sondern ein Aspekt einer größer angelegten Betrachtung sein. 

Perspektiven von Menschen mit Beeinträchtigung einbeziehen

„Menschen mit geistiger Beeinträchtigung haben nach wie vor gesamtgesellschaftlich eine vergleichsweise kleine Lobby“, betont Marian Zachow, theologischer Vorstand. „Und gerade Menschen mit herausforderndem Verhalten drohen zur Randgruppe der Randgruppe der Randgruppen zu werden. Diese werden auch noch im 21. Jahrhundert ausgegrenzt. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir ihre Perspektiven in diesem Forschungsprojekt zur Sprache bringen.“ 

Kritische Aufarbeitung hat Tradition

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof hat sich bereits in der Vergangenheit ihrer Geschichte gestellt. Die 1950er und 1960er Jahre wurden wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Studien „Als wären wir zur Strafe hier“ und „Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört“, ebenfalls von Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl mitverfasst, dokumentierten Gewalt gegen Menschen mit Beeinträchtigung und führten zu Entschädigungszahlungen für 530 ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner. 

Nun setzt der Wittekindshof diese Tradition der kritischen Selbstreflexion fort, mit dem Blick auf eine Zeit, die noch näher an der Gegenwart liegt und deren Akteurinnen und Akteure teilweise noch im Dienst der Stiftung stehen.

Rückblick soll Veränderung ermöglichen

Marian Zachow betont weiter: „Wir stellen uns unserer Geschichte offen und kritisch. Verantwortung zu übernehmen, bedeutet für uns, auch schwierige Themen wie Gewalt gegen Menschen mit Beeinträchtigung bewusst anzusprechen. Die Aufarbeitung verstehen wir daher als Chance zur Weiterentwicklung. Der Blick zurück dient nicht dem Stillstand, sondern der Veränderung.“ 

Auch der Stiftungsrat begrüßt als oberstes Aufsichtsgremium der Stiftung dieses Vorhaben. Stiftungsratsvorsitzende, Pfarrer Dr. Olaf Reinmuth: „Wo es zu Fehlern gekommen ist, Menschen nicht in der angemessenen Weise behandelt worden sind, braucht es Veränderungen. Entwicklung geht nur durch solche Kritik. Die Arbeit der Stiftung insgesamt wird damit nicht herabgewürdigt, im Gegenteil.“