Wohnen & Assistenz

Zwischen Paprika schneiden und PolitikLöhner Bürgermeister und Wittekindshofer Vorstand werden zu Praktikanten

„Was ist denn dein Job?“, fragt ein Bewohner des Wittekindshofer Wohnhauses an der Werrestraße Bürgermeister Christian Antl, während dieser die Paprika für einen Salat schneidet. „Also heute bin ich hier Praktikant“, antwortet er. Gemeinsam mit Pfarrer Marian Zachow, theologischer Vorstand der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, hat das Löhner Stadtoberhaupt einen Tag lang an mehreren Standorten der Stiftung in Löhne mitgearbeitet. 

„Als Gast kenne ich natürlich verschiedene Löhner Einrichtungen der Stiftung, aber mir war es wichtig, den Alltag dort kennenzulernen und zu erfahren, wie die Arbeit konkret aussieht, sagt Christian Antl. „Ich freue mich, wenn wir unseren Partnern vor Ort Einblicke in die Arbeit zeigen können“, fügt Pfarrer Marian Zachow hinzu. Der Praktikumstag sei Ausdruck einer engen Kooperation zwischen der Stadt Löhne und dem Wittekindshof.

Der Praktikumstag beginnt mit Backen: Pfarrer Marian Zachow (links) entkernt in der Tagesstrukturierenden Angebote (TSA) Weihe in Löhne Pflaumen für einen Kuchen, den die Teilnehmenden gemeinsam backen.
Aus einer kurzen Spritztour wird eine Stadtteilführung: Mit dem Golfcart der TSA Weihe zeigt Christian Antl, einer Klientin des Wittekindshofs sowie Dorothea Elges, Bereichsleitung der TSA, den Löhne-Gohfelder Stadtteil.

Den Tag begannen die beiden Praktikanten in den Tagesstrukturierenden Angebote (TSA) Weihe an der Weihestraße. Dort backten sie gemeinsam mit den Männern und Frauen mit Beeinträchtigung Pflaumenkuchen und halfen dafür beim Entkernen der Pflaumen, beim Eier aufschlagen. 

Anschließend drehten sie Runden mit dem Golfcart, das die Teilnehmenden regelmäßig für Ausflüge in der Stadt nutzen. Was als kurze Spritztour geplant war, entwickelte sich zu einer ausgedehnten Stadtteilführung durch Löhne-Gohfeld. „Herr Antl hat uns die Schokoladenfabrik gezeigt, die Schulzentren, das Museum Löhne“, sagt Diakonin Dorothea Elges, Bereichsleitung der TSA in Löhne und Herford. 

Auch die selbstgemachten Liköre, Essigspezialitäten und Marmeladen, die in der TSA unter dem Titel „Mit Herz und Hand“ hergestellt und verkauft werden, stießen auf großes Interesse bei Christian Antl. 

Bürgermeister Christian Antl (Mitte) lernt im Haus Werre in Löhne den Alltag der Wohngemeinschaft kennen und tauscht sich beim gemeinsamen Mittagessen mit Bewohnerinnen und Bewohnern aus.
Pfarrer Marian Zachow (rechts), theologischer Vorstand der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, bereitet im Haus Werre Zutaten für das gemeinsame Mittagessen zu.

Den fertigen Kuchen konnten die Praktikanten allerdings nicht probieren, denn für sie ging es direkt weiter zum nächsten Einsatzort. Im Haus Werre, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen gefeiert hat, bereiteten Christian Antl und Marian Zachow gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern das Mittagessen zu: Nudeln mit Tomatensoße und Salat. 

Beim gemeinsamen Essen war ausreichend Zeit für Gespräche, darüber, was man als Bürgermeister und Vorstand so macht, über Politik und das Leben in Löhne. „Ich habe noch nie mit einem Politiker zu tun gehabt“, staunte ein Bewohner. Für Christian Antl waren genau diese Begegnungen das Wertvollste am Tag: „Hier wird deutlich, wie wichtig die Arbeit des Wittekindshofs für Löhne ist. Die Menschen leben mitten unter uns, sie sind Teil unserer Stadtgesellschaft.“

Das Haus Werre an der Werrestraße ist seit zwei Jahrzehnten ein Beispiel dafür, wie Inklusion im Alltag gelingen kann. Menschen mit Beeinträchtigung leben hier in einer Wohngemeinschaft mitten in Löhne, gehen einkaufen, nutzen die Angebote der Stadt und sind Teil des Sozialraums. 

„Wir sind stolz darauf, dass wir in Löhne wohnortnahe Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung schaffen konnten“, sagt Diakon Felix Lehra, Geschäftsbereichsleiter für die Angebote der Stiftung in Herford und Löhne. „Die enge Zusammenarbeit mit der Stadt und das Interesse, das uns Bürgermeister Antl entgegenbringt, zeigen, dass Inklusion keine Einbahnstraße ist. Es braucht beide Seiten, die Menschen, die Unterstützung leisten, und die Stadtgesellschaft, die offen ist und Teilhabe ermöglicht.“

Felix Lehra

Unsere Mitarbeitenden leisten jeden Tag wichtige Arbeit. Wenn der Bürgermeister und der Vorstand sich die Zeit nehmen, diesen Alltag mitzuerleben, ist das eine Wertschätzung, die ankommt.

Nach dem Mittagessen im Haus Werre stand für die beiden Praktikanten noch ein Besuch bei Menschen mit Beeinträchtigung an, die von der Stiftung ambulant unterstützt werden. Dort halfen Christian Antl und Marian Zachow bei der Wohnraumpflege und begleiteten beim Einkaufen. „Jeder Mensch hat andere Bedarfe, andere Wünsche, andere Fähigkeiten. Die Mitarbeitenden gehen darauf ein und schaffen so Räume für Selbstbestimmung und Teilhabe“, sagt Marian Zachow.

Für Felix Lehra ist der Praktikumstag auch ein Signal nach innen: „Unsere Mitarbeitenden leisten jeden Tag wichtige Arbeit. Wenn der Bürgermeister und der Vorstand sich die Zeit nehmen, diesen Alltag mitzuerleben, ist das eine Wertschätzung, die ankommt.“ Und wie haben sich die beiden Praktikanten geschlagen? „Die Paprika waren gleichmäßig geschnitten, der Kuchen ist aufgegangen und sie sind unseren Klientinnen und Klienten auf Augenhöhe begegnet“, stellt Felix Lehra schmunzelnd ein gutes Arbeitszeugnis aus. „Wenn sie mal einen neuen Job suchen, können sie sich gerne bei uns bewerben.“